Lokaler Alltag und globale Probleme
sönlichkeit" in eben dieser Zeit als Programm formuliert wurde. Heutekennt im universitären Umfeld jeder eine Menge von Existenzen, dieangesichts der öffentlichen Geringschätzung der Kultur- und Geisteswis-senschaften sich mehr oder weniger freiwillig lieber mit Gelegenheitsjobsund niedrigen materiellen Ansprüchen durchschlagen als ihre Neigungzur intellektuellen Tätigkeit aufzugeben und sich in ein„ geregeltes" und,, nützliches" Arbeitsleben zu stürzen. Ihnen werden ebenso wie ehrgeizi-gen sportiven Existenzen, Weltenbummlern und nicht arrivierten Künst-lern mit den jetzigen Sozialreformen in den reichsten Ländern der Erdejene letzten Ressourcen geraubt, die ihnen die Furcht vor dem Fall insBodenlose nehmen und den Mut zum Risiko erlauben: Krankenversiche-rung, ein minimales soziales Netz.
In Ulrich Plenzdorfs Neuen Leiden des jungen W. von 1973 hatte derAntiheld Edgar,„ der lieber gammelt als sich anzupassen“ sich im realexistierenden Sozialismus der DDR seine Nische geschaffen. Das wurdeeinst gelesen als Protest gegen den Terrorismus der Aufklärung, des Nütz-lichkeitsdenkens, oder, vergröbert, als Kritik am Sozialismus, der Nischen-existenzen dieser Art unmöglich macht. Rolf Michaelis hat das damalsschon hellsichtig als ost- und westdeutsches Thema erkannt. Hartz undseine Gesinnungsgenossen würden Edgar heute genauso rücksichtslos zumSozialdienst verpflichten wie der real existierende Sozialismus ihn gernin die Produktion gezwungen hätte( Arbeitsdienst hat das eine zeitlanggeheißen).
Wenn, wie heute, Prosperitätsgesellschaften zu Repressiven Wachstums-gesellschaften mutieren, in denen sich die beschränkte Regelungs-kompetenz des Staates voll auf wirtschaftliches Wachstum und dieRealisierung von ökonomischen Chancen in der internationalen Konkur-renz konzentriert, dann werden Arbeitsmarktreserven( erwachseneIndividuen) gezwungen, zu Niedrigstlöhnen tätig zu werden, um dieStandortbedingungen für Unternehmen zu verbessern. Kreativität wirdwie die Geistes- und Kulturwissenschaften in ein enges Korsett vondirekter oder indirekter Nützlichkeit eingezwängt. Gemeinschaftsbezogeneund verantwortungsbewusste Werthaltungen werden zurückgedrängtzugunsten der Werte einer rücksichtslosen Wachstumsgesellschaft.Verloren geht die Elastizität des Lebens. Der Gewinn besteht in selbst-zweckhaftem Wachstum, das keinen Beitrag mehr zur Lebensqualitätleistet.
Um nicht missverstanden zu werden, sei ganz klar betont: AnerkannteArbeit, von der man leben kann, gehört in vielen Phasen des Lebens für
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