Der Alltag als Thema der Europäischen Ethnologie
muss sich durch Nochniedagewesenes auszeichnen und sich abenteuer-lich ständig neu fit machen.
Wenn Kultur- wie wir sie verstehen- zwar nicht alles ist, aber doch dieAufrichtung einer Ordnung, auch der des Alltags, des Festes und desEvents, dann kommen wir einer brauchbaren Operationalisierung schonnäher. Denn unser Kulturbegriff zielt auf einen Alltag, der die Selbstver-ständlichkeit des Wahrnehmens meint. Kultur meint also das Aufrichteneiner Ordnung, und Alltag bezieht sich zugleich auf die Art und Weisedes Wahrnehmens der Wirklichkeit als einen Bestand elementarer Defi-nitionen von Wirklichkeit und Sinnhaftigkeit, der von der Mehrzahl derMenschen geteilt wird.
Wenn wir in der Moderne von fragmentierten Gesellschaften reden, dannzielt das auf den Befund, dass die Zahl der Ordnungen in unseren Gesell-schaften sich vermehrt hat und dass das Deutungsmonopol der großenInstitutionen, wie etwa der Kirche, das die eindrucksvollen Formen schein-bar homogener Frömmigkeit hervorgebracht hat, so nicht mehr existiert.Der Historiker Thomas Nipperdey hat einmal angemerkt, ärgerlich ange-merkt, dass alle Gruppen nun ihre eigenen Geschichtsschreiber hätten:Arbeiter, Frauen, Umweltschützer, Lesben, Homosexuelle ich denkehier an das pfiffige Buch ,, Schwules Wien". 15 Sie alle also konstituierenihre eigenen Tiefenbohrungen als legitimierende Herkunftsgeschichten,die lokalisierte Geschichte historischer Alltage dient als Ausweis fürBesonderheit von Ort und Gruppe.
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Wie das geschieht, wie sich Gruppen, Ethnien( als Gruppen, die sich ei-ner modernen Unterscheidung bedienen) und Individuen je und je neuherstellen und mit Hilfe von Geschichte zu etablieren suchen, indem siesich historische Tiefe geben: Diese vielfältigen Kulturtechniken nach-zuzeichnen, ist eine Aufgabe der Europäischen Ethnologie, die hier zuverallgemeinernden Aussagen wenigstens in europäischen Kontextenkommen kann. Denn in all diesen Fragmentierungen entstehen Wirklich-keiten. Alltag meint also die Gültigkeit je und je unterschiedlicher Regel-werke, die das Handeln der Menschen als üblich bestimmen. Je moder-ner und damit wohl auch ausdrücklich fragmentierter die Moderne wird,umso vielfältiger werden auch die Alltage. Dies gilt vor allem für diesubjektive Anteilnahme von Menschen an Zielen- Familie, Geschlecht,Frieden oder Umwelt, Musik, ästhetische Muster, nationale Gefühle.
15 Andreas Brunner u. Hannes Sulzenbacher: Schwules Wien. Reiseführer durch dieDonaumetropole. Wien 1998.
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