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Bachern-Sagen : Volksüberlieferungen aus der alten Untersteiermark
Entstehung
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VORWORT

Von Leopold Schmidt

Das untersteirische Sagenbuch des verdienstvollen, soeben verstorbenenSammlers Paul Schlosser erfordert einige Worte des Herausgebers zur Ein-führung.

Diese schöne Sammlung unternimmt es, den Sagenschatz einer Land-schaft zu vergegenwärtigen, die heute wenn auch knapp, so eben dochaußerhalb der Grenzen Österreichs liegt. Das Bachern- Gebiet gehört zurUntersteiermark, die 1918 an Jugoslavien abgetreten werden mußte, ob-gleich sie beinahe ein Jahrtausend lang bei Steiermark, bei Österreichgewesen war. Auch die wissenschaftliche Erforschung der Untersteiermarkist immer eine österreichische Angelegenheit gewesen, und die volkskund-liche daher auch, solange von dieser überhaupt schon gesprochen werdenkann. Das alles hat eine Verpflichtung geschaffen, der wir in mehrfacherWeise und in vielfältiger Art auch weiterhin nachkommen wollen. Wenn einÖsterreicher wie Paul Schlosser, der vor einem Menschenalter bereits einewesentliche Sagensammlung dieses Gebietes geschaffen hat ¹), nämlich DerSagenkreis der Poštela", in unseren Jahren noch einmal eine derartigeSammlung aus dieser Landschaft vorlegt, dann ist es die Verpflichtung derösterreichischen Volkskunde, ihm dafür auch die Möglichkeit zu geben.Nicht als eine einmalige und zufällige Aktion, sondern als eine bewußtgesetzte Handlung im Verfolg mancher anderen und als Vorzeichen fürhoffentlich noch viele weitere. Wir haben unsere österreichische Volkskundenach 1945 anders aufzubauen begonnen als sie zwischen den beiden Welt-kriegen zu führen versucht worden war. Alle Veröffentlichungen des Ver-eines und des Museums für Volkskunde in Wien haben sich stärker undbewußter in den Dienst jener Aufgaben gestellt, die seit Jahrzehnten schonvorhanden waren, aber nicht aufgegriffen wurden. Sowohl der Standpunktder Leitung des Museums und der Redaktion der Österreichischen Zeitschriftfür Volkskunde wie auch die Mittel dieser Einrichtungen konnten mit denJahren immer deutlicher auf diese Aufgaben hin ausgerichtet werden. Allediese Einrichtungen sind vor etwa sechzig Jahren, in tiefer Friedenszeit undim Hinblick auf die große alte Österreichisch- Ungarische Monarchie geschaf-fen worden. Nach 1918 ist fast nichts geschehen, um sie für die neue Zeit,den jungen Staat und seine Nachbarn in der gegebenen Weise umzuorien-tieren. Wenn dies 1945 dann endlich getan wurde, dann nicht etwa, um diegewichtigen alten Traditionen zu verlieren, sondern um aus ihnen einenentsprechenden Fundus für die neue Zeit zu gewinnen, ohne bei einemfruchtlosen Ressentiment zu verharren. Ich habe einen kurzen Überblicküber diese Bestrebungen vor dem größeren Hintergrund" gekennzeichnet 2):

1) Paul Schlosser, Der Sagenkreis der Poštela. Ein Blick ins Bachernreich.Marburg a. d. Drau 1912.

2) Leopold Schmidt, Der größere Hintergrund. Volkskunde im alten undneuen Österreich( Die österreichische Furche, Nr. 25 vom 18. Juni 1955, S. 6 f.).

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