Druckschrift 
Peregrinatio neohellenika : Wallfahrtswanderungen im heutigen Griechenland und in Unteritalien
Entstehung
Seite
169
Einzelbild herunterladen
 

IX

Konstantinopel.

Eine Darstellung des Wallfahrtsbrauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Wallfahrtsbrauchtums der griechisch- orthodoxenKirche wäre jedoch nicht vollständig, wenn man nicht jenes von Konstantinopelmitbehandeln würde. War ja doch in alter Zeit der Patriarch von Konstan-tinopel das Oberhaupt der gesamten orthodoxen Kirche, und wenn sich auchim Laufe der Jahrhunderte die verschiedenen Nationalkirchen der Slawen ab-spalteten und eigene Patriarchate gründeten, so sind doch bis auf den heutigenTag dem Patriarchaten von Konstantinopel gewisse Ehrenvorrechte geblieben.Auch die griechische Kirche wurde im Zusammenhang mit den Freiheitskämp-fen des Landes autokephal und besitzt heute zwar kein eigenes Patriarchat,aber 67 unabhängige Bistümer, deren Inhaber den Titel Metropolit führen.Wenn also die griechische Kirche heute verwaltungsmäßig vom alten Partriar-chat völlig getrennt ist, so ist doch eine gewisse Art von Vorrang auf re-ligiösem Gebiet erhalten geblieben, die sich zum Beispiel dahingehend aus-wirkt, daß der Patriarch von Konstantinopel als einziger das Myron, das hei-lige Öl, weihen kann, welches zur Spendung gewisser Sakramente erforderlichist. Noch heute beziehen es die griechischen Metropoliten von Konstantinopel.Die neue Türkei hat der Sonderstellung des griechischen Patriarchen insofernRechnung getragen, als beim großen Bevölkerungsaustausch von 1922 und 1924die in Istanbul wohnenden Griechen ausgenommen wurden. Die Gleichberech-tigung der Bekenntnisse in der neuen Türkei hat, wie uns scheint, auch demreligiösen Volksleben der Griechen in Istanbul einen neuen Auftrieb gegeben.Dies zeigt allein ein flüchtiger Blick in die Juwelierläden der Griechen, indenen überall zahlreiche Tammata zum Verkauf angeboten werden. Das Wall-fahrtsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag fahrtsbrauchtum ist außerordentlich kräftig entwickelt, und die Festigkeit derreligiösen Überlieferung hat in der Legendenfreudigkeit der Gläubigen ihrenvolkstümlichen Niederschlag gefunden.

Die Votivgaben von Byzanz gleichen denen des griechischen Mutterlandesweitgehend. Wachsopfer oder andere vollplastische Weihegaben fehlen hiergenau so gut wie in Griechenland selbst. Man findet auch hier nur die unsvon Griechenland her wohlbekannten silbernen Täfelchen mit eingeprägtenFiguren. Sie werden in den meisten Fällen serienweise hergestellt, nur ist ihreAusführung etwas sorgfältiger als die der griechischen Durchschnittsfiguren.Natürlich kommen auch individuelle Prägungen über besonderen Auftrag vor.Die Arten der vorhandenen Tammata sind so ziemlich die gleichen wie inGriechenland: Menschliche Ganzfiguren, Wickelkinder, Brustbilder, Tierfigu-ren und verschiedene Körperteile. Organvotive sahen wir nicht, außer dem

169