VII
Altheilige Stätten.
Man kann keineswegs nur von Grottenwallfahrten, sondern auch vonvielen anderen christlichen Kultstätten der Gegenwart die Feststellung machen,daß sie an einem seit alters heiligen Platze errichtet wurden. Einige Beispieleaus dem Umkreis von Athen mögen das erläutern. Wir beginnen unsereSchilderung mit der Kirche der heiligen Marina am Nordabhang des Nym-phenhügels. Bei letzterem handelt es sich um ein westlich der Agora, jenseitseiner breiten Straße sanft ansteigendes Felsengelände, an dessen Südostrandman heute noch glattgewetzte Stellen findet, die daher rühren, daß schonin der Antike die Frauen hieherkamen, um ihren Leib an dem Stein zureiben, um auf diese Weise von Unfruchtbarkeit geheilt zu werden. Unweitdes höchsten Punktes des Hügels erhebt sich heute die geräumige moderneKirche. Das Gotteshaus besitzt auf der rechten Seite einen kleinen, kapellen-artigen Raum, welcher das alte, der neuen Kirche vorausgegangene Heiligtumbildete. Um hineinzugelangen, muß man heute die Halle der neuen Kirchedurchschreiten. Hier opfert man der heiligen Marina, wie in alten Zeiten denNymphen, Kleider, wenn man krank ist. Auch wir fanden bei unserem Be-such eine Reihe solcher Kleiderbündel in einer unbeachteten Nische. Es be-steht der Brauch, daß, wer Heilung sucht, an Stelle der alten neue, und zwarschwarze Kleider anlegen muß. Bernhard Schmidt erwähnt das Bestehen einesähnlichen Brauches auf der Insel Lesbos bei der Kirche des heiligen Therapon""),wo man die Fetzen seines alten Gewandes an einem Baum vor der Kapelleaufhängen muß, um Gesundheit zu erlangen. Der gleiche Brauch ist auch inUnteritalien sehr verbreitet. Wir fanden unter anderem viele Kleideropfer inder Kirche der Madonna di Siponto67).
Ebenfalls seit der Antike gelten die Quellen von Kaisariani und Kareasals heilkräftig; beide liegen am Westabhang des Hymettos, jede von ihnen imhintersten Winkel eines Felsentales. Das Kloster Kaisariani ist heute Na-tionalheiligtum und wird an Stelle der Mönche von einem Kustos bewohnt;nur ein kleiner Teil der Bauwerke blieb erhalten, der Rest der Anlage ist heuteverfallen. Uns interessierte der berühmte Ort vor allem wegen der reichhaltigsprudelnden Quellen, deren Wasser sowohl im antiken wie im modernen Volks-brauch eine Rolle spielt. Es handelt sich um die schon bei Ovid erwähnteKyllou pera, neben der einstmals ein Tempel der Aphrodite stand. Die FrauenAthens benützen das Wasser als Heilmittel bei Unfruchtbarkeit, aber auch inder Zeit der Schwangerschaft. Die Kapelle wurde im Altertum wie im Mittel-alter gern besucht, und es wird erzählt, daß das Wasser bis vor nicht allzu
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