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Peregrinatio neohellenika : Wallfahrtswanderungen im heutigen Griechenland und in Unteritalien
Entstehung
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VIII

Der heilige Berg Athos.

Einen wichtigen Faktor im Bereich des volkstümlichen Wallfahrtswesensbilden die Legenden, welche die Entstehungsgeschichte oder die Wirkungs-kraft der Gnadenbilder selbst umranken. Sie spielen in Griechenland eine fastnoch größere Rolle als in Mittel- und Westeuropa, und viele Motive, die wirvon dorther kennen, kehren auch hier wieder71). Das Thema der Traum-erscheinungen, der wunderbaren Ortsveränderung, des schwimmenden, wan-dernden, fliegenden oder sonstwie selbsttätig seinen Standort bestimmendenoder bei gewaltsamer Enfernung zu ihm wieder zurückkehrenden Bildnisseshaben wir bereits einige Male erwähnt.

Wir erweitern das Material, indem wir verschiedene einschlägige Legendenvon heiligen Bildern auf dem Berge Athos vorlegen. Der Berg Athos ist jawohl der einzige Bezirk im griechischen Raum, wo solche Überlieferungensystematisch gesammelt wurden72).

Zwar gibt es auf dem heiligen Berge Athos keine eigentliche Wallfahrt,was damit zusammenhängt, daß Frauen der Besuch desselben ja völlig unter-sagt ist und auch die Männer einer besonderen Aufenthaltserlaubnis bedürfen.Immerhin gibt es auf dem Athos wenigstens ein Gnadenbild, das von aus-wärtigen Pilgern zuweilen besucht wird und das darüber hinaus mit seinengläubigen Verehrern indirekt einen um so lebhafteren Verkehr pflegt. Es istdies die Panagia Tricherousa vom Serbenkloster Chilandar. Auch an diesesMarienbild knüpft sich die Überlieferung, daß es sich bei ihm um ein Werkdes Maler- Apostels Lukas handle. Viele der ehrwürdigsten und ältesten Marien-bildnisse in Griechenland werden ja für solche Lukasbilder gehalten. Das Bildsei früher in Syrien verehrt worden und vor ihm habe sich Johannes vonDamaskus( 657 bis 749) niedergeworfen, als man ihm auf Befehl des bilder-feindlichen Kaisers Leon III.( 716 bis 741) die linke Hand abgeschlagen hatte." Johannes nahm das abgeschlagene Glied an sich, ging in die Kirche vor dasMuttergottesbild des Apostels und klagte der Ganz- Heiligen sein Leid. Aufeinmal leuchtete das Bild in himmlischen Feuern, eine Hand kam aus ihmhervor und führte die schon entblutete Hand an den Stumpen, neues Lebenströmte über in sie und Johannes war heil und gesundet. Die Christen kamenund lobpriesen das Wunder und der Diakon schenkte dem Bilde als Opfer-gabe eine silberne Hand78)." Die silberne Hand wurde nachher an dem Bildebefestigt, weshalb es bis heute den Namen Tricherousa trägt. Johannes, dergroße Dogmatiker der Ostkirche, brachte das Bild auf seinen Reisen in dasSawas- Kloster in Palästina, wo Sawas, der Sohn des Serbenfürsten Stephan I.,

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