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Peregrinatio neohellenika : Wallfahrtswanderungen im heutigen Griechenland und in Unteritalien
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VI

Grottenwallfahrten.

Wir sind in unserer Untersuchung schon wiederholt auf Grottenwall-fahrten zu sprechen gekommen und haben damit ein Kapitel berührt, dasbesonders hervorgehoben zu werden verdient, weil sich ihnen griechische Fröm-migkeit und griechischer Wallerbrauch mit Vorliebe zuwenden. Grottenkultesind im griechischen Volke seit jeher tief verwurzelt. Schon die Antike kenntsie, wobei nur auf die legendären Geburtsgrotten des Zeus auf Kreta und aufdie vielen Pans- Grotten auf dem griechischen Festlande hingewiesen zu werdenbraucht. Viele der heutigen christlichen Grottenheiligtümer stehen erwiesener-maßen an der Stelle solcher klassischer Kultstätten, und bei vielen anderen istdies bis heute noch nicht untersucht worden. Es wäre eine lohnende Aufgabefür einheimische Folkloristen, solche Grottenwallfahrten zu besuchen unddurch Umfrage im Volke etwaige Überlieferungen, die sich an sie knüpfen,zu erforschen und aufzuzeigen. Der fremde Reisende ist schon aus sprach-lichen Gründen und wegen der größeren Schwierigkeiten, das Vertrauen desVolkes zu gewinnen, hierzu kaum in der Lage. Einige knappe Hinweise aufdie von uns besuchten Grotten mögen daher lediglich als Anregungen, sichdieses Problems anzunehmen, aufgefaßt werden. Dabei kommt es unsererMeinung nach weniger darauf an, eine unmittelbare Kultnachfolge nachzu-weisen, und etwa den Ersatz einer antiken Gottheit durch einen bestimmtenHeiligen festzustellen, als vielmehr zu zeigen, daß eine spezifisch religiöseDisposition des griechischen Volkes in jeder der beiden Religionen, der antikensowohl als auch der christlichen, sich immer wieder durchsetzt. Daß eine solchevorhanden ist, kann nicht bezweifelt werden. Dieses legt unter anderem schondie Tatsache nahe, daß sich im Bereich der römisch- katholischen Kirche, undzwar in den einst von den griechischen Kolonisten bewohnten Gebieten Unter-italiens, gleichfalls zahlreiche Grottenwallfahrten finden, während sie im üb-rigen Italien keine nennenswerte Bedeutung besitzen. Wir haben derer eineReihe besucht und werden am Schluß dieser Abhandlung kurz darauf auf-merksam machen.

Die natürlichen Höhlen in den Felsen der Akropolis zu Athen wurdenim Laufe der Jahrhunderte mehr oder weniger alle in Kultstätten umgewan-delt. Die größten und geräumigsten von ihnen, in den Nordabhängen der Akro-polis, hat man dem Gotte Pan unterstellt. In eine derselben hat man spätereine Athanasius- Kapelle gebaut, von der heute gleichfalls nur mehr Ruinenvorhanden sind, an den natürlichen Felswänden jedoch haben sich noch Restechristlicher Freskomalereien erhalten. Im Hinblick auf das Problem der un-

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