Wunder, wenn ihm die freudigen Züge der Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau nicht gelingen woll-ten und statt eines lächelnden Antlitzes immer wieder nur ein ernsteswurde. Was er auch begann und versuchte, Maria blickte ihn nicht heiteran. Als nun der Meister seiner Mühe überdrüssig wurde, übte er an demGemälde tollen Scherz. Übermütig pinselte er an Mariens Hand sechsFinger flüchtig hin und rief in seinem leichten Sinne aus„ Maria lach!"Doch Maria lachte nicht und es war ihm zumute, als ob sie ihn nunzürnend ansehe. Da warf er Pinsel und Farbe hin und wartete auf dennächsten Tag, vielleicht würde ihm dann ein besseres Glück zuteil wer-den. Doch siehe, so oft er nun am Morgen den sechsten Finger zu über-malen versuchte, kam dieser immer wieder zum Vorschein. Da wardihm recht bang zumute und er erzählte jammernd dem Hause, ja sogarder Stadt von seinem Frevel und der dafür erhaltenen Strafe. KeinMeister im ganzen Land konnte fernerhin den Finger vom Gemäldetilgen. Der Künstler starb in bitterer Reue; sein Bild„ Maria Sechs-finger", oder„ Maria lach“, geheißen, kam in die Kirche am Jauerlingund schmückt heute noch jene Stätte. Doch geht im Volk die Sage, daßeinst ein Künstler mit engelreinem Herzen den Finger tilgen werde unddann wird das Antlitz Mariens freudig und mild herabblicken.
( Aus: Josef Pöttinger, Niederösterreichische Volkssagen. Wien 1950, S. 258 f.)
Nr. 37
Maria Sechsfinger
Am Jauerling liegt das schmucke Dörfchen Maria Laach mit seiner Wall-fahrtskirche, einem Meisterwerk der gotischen Baukunst. Ihr Inneresbirgt kostbare Bildwerke, darunter eines, das Maria in der Mutter-freude darstellt und so alt sein soll wie die Kirche selber. Es ist aufHolz gemalt, und sonderbar: an der rechten Hand Mariens erblickt mansechs Finger.
Diese Kirche, so erzählt man, hat ein Ritter von Kueffstein erbauenlassen und zu ihrem Schmuck bei einem tüchtigen Meister in Pöchlarnein Bild bestellt: eine Muttergottes, wie sie mit mildem Lächeln auf dasJesuskind in ihrem Schoß herabblickt.
warum
Der Meister machte sich unverzüglich an die Arbeit. Doch als er sich an-schickte, das Antlitz Mariens zu malen, begann er niemand weiß,sich dem Trunke zu ergeben. Wohl regte sich sein Gewissen,aber er konnte dennoch nicht von seiner Sucht lassen, und so gerietenihm die Züge der Madonna nicht so froh, wie er eigentlich wollte, son-dern es wurde ein sehr ernstes Gesicht. Was er auch versuchte, Mariawollte nicht heiter lächeln.
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