VORWORT
Die Kuenringer waren durch mehrere Jahrhunderte hindurch die Be-herrscher des Waldviertels und als solche maßgeblich am Werden desLandes Niederösterreich im Mittelalter beteiligt. Dieser Bedeutung wur-de in den letzten Jahren durch verstärkte Forschung Rechnung getragen.Der Geschichtsschreibung, die sich zum Großteil auf archivalische Quel-len stützt, erwächst in der Volkskunde, und hier insbesondere in derErzählforschung, eine wertvolle Hilfe. Denn für einen Untersuchungs-zeitraum, in dem schriftliche Quellen spärlich sind, können durch die Er-forschung der mündlichen Erzähltradition wertvolle Erkenntnisse ge-wonnen werden. Die mündliche Überlieferung über die Kuenringer istfreilich nicht mehr allzu lebendig, und wo man sie noch antrifft, er-weist sie sich häufig geprägt von wissenschaftlicher und literarischer Be-schäftigung mit den historischen Sagenstoffen. Anhand der seit dem18. Jahrhundert entstandenen Sagensammlungen und Reisebeschreibun-gen lassen sich einige Motivgruppen unterscheiden, die in den Herr-schaftsschwerpunkten der Kuenringer im Donauraum und um Zwettlam stärksten hervortreten. Daneben finden sich noch verstreute Motive;vielen ehemaligen Kuenringerbesitzungen haften sagenhafte Züge an.Die vorliegende Sagensammlung will versuchen, die Volksüberlieferungüber die Kuenringer möglichst umfassend darzustellen. Dabei ergibt sichdie große Schwierigkeit, einen klaren Trennungsstrich zwischen derVolksüberlieferung und der literarischen Überlieferung zu ziehen. EineDurchsicht des gesammelten Materials läßt immer wieder Querverbin-dungen erkennen. Eine Auseinandersetzung mit den Kuenringern, diesich in wissenschaftlicher Beschäftigung, in Darstellungen der bildendenKunst und der Literatur manifestierte, hatte stets ihre Auswirkungen aufdie Volksüberlieferung. Besonders die weitverbreitete Trivialliteraturwirkte in diese Richtung. Und umgekehrt entlehnte die sogenannteHochliteratur bekanntlich auch immer wieder ihre Motive aus derVolksliteratur. So scheint es gerechtfertigt, in diese Sagensammlung auchausgewählte literarische Beispiele aufzunehmen, um die Wege der Über-lieferung besser verfolgen zu können.
Geschichtspflege und Verlebendigung der Geschichte ist heutzutage in
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