5. Die Sagen von den feindlichen Brüdern
Nr. 23
Namenssage
Zwei Brüder aus dem Geschlechte der Chuenringer hausten im frühenMittelalter in der Gegend von Horn, der eine in Mödring, der anderein Mertendorf. Um die Frau seines Bruders ehelichen zu können, faßteder Mertendorfer den unseligen Entschluß, seinen Bruder töten zulassen. Er lud ihn zu einem Imbiß auf seine Burg ein. Arglos erschiender Mödringer mit seinem sechsjährigen Sohne bei ihm; auf der Heim-fahrt wurde er aber von gedungenen Mördern überfallen und getötet.Bei seiner Heimkunft berichtete der Knabe, er habe von den Mordge-sellen gehört, daß sie vom Oheim zum Morde seines Vaters gedungenwaren. Dem Ohm konnte jedoch keine Schuld bewiesen werden und erblieb unbehelligt auf seiner Burg. In seinem Innern aber tobte es inkurzer Zeit nach der blutigen Tat umso unruhiger. Als er sein Endenahe fühlte, ließ er den inzwischen herangewachsenen Neffen zu sichrufen; dieser aber weigerte sich, der Einladung zu folgen, weil er ge-schworen hatte, nie mehr die Türschwelle seines Ohms zu betreten. DerOnkel ließ ihn nochmals zu sich bitten und ihm sagen, er wolle ihn zumErben einsetzen. Der Neffe kam aber auch diesmal nicht. So starb derOhm unversöhnt.
Jetzt kam der Neffe und machte von den ererbten Gütern folgendenGebrauch: Er befahl, die Feste sogleich niederzureißen. Die Steine derBurg gab er allen frei, die Lust hatten, sich dort anzusiedeln. Denneuen Ort nannte er Mördersdorf und verkaufte ihn sogleich unter demVorbehalte, daß der Käufer diese Ortsbezeichnung beibehalten müsse.Den Kaufschilling aber gab er zu frommen Stiftungen hin, um diearme Seele seines Ohms zu erlösen.
( Aus: Karl Süß, 100 Ortssagen aus dem Horner Gau. Eggenburg 1922, Nr. 51)
Nr. 24
Mörtersdorf
Zwei Brüder aus dem Geschlechte der Kuenringer hausten im grauenMittelalter, wie bekannt, in der Gegend von Horn; der eine zu Möde-ring, der andere um Mörtersdorf. Letzterer sah die Gemahlin des
71