2. Heischelieder
Heischelieder sind rein funktionell und kennen keine zonenspezifische Prä-ferenz. Heischeverse bilden im übrigen den Abschluß( oder auch den An-fang) vieler Liedvarianten; in manchen Fällen ist dieser Funktion aber dasgesamte Lazaruslied gewidmet. Solche meist infantilisierten Liedformenreichen von Zypern bis nach Ostbulgarien 201. Diese Lieder sind meist ganzkurz, oft Reduktionsformen umfangreicherer Varianten, von denen nur mehrdas übriggeblieben ist, was die Kinder unmittelbar interessiert: die Einlei-tung202 und die Heischeverse 203. Es gibt auch gewissen Motivationsverschie-bungen in der Brauchgestaltung zu beobachten( ein gewissen ,, geschäftli-ches" Gebaren), was mit dem allgemeinen Rückgang des Glaubenskontex-tes, in dem der Umzug steht, zu verbinden ist. Dieser utilitaristische Habitusnimmt manchmal fast drohenden Charakter an204. Einen besonderen Reiz hatein türkisch gesungenes Heischelied, das früher griechische Kinder in Sufli( heute in Griechisch- Ostthrakien) gesungen haben, das ein gewisses Lichtauf das dunkle Kapitel der Symbiosepraxis der beiden Religionen im dörf-lichen Rahmen zur Zeit der Türkenherrschaft auf dem Balkan wirft: ,, Laza-rus, Lazarus!/ Komm aus dem Grab heraus./Wir sind Kinder von der Schu-le,/ gebt, ja gebet uns die Eier,/ Gott( Allah) soll euch dafür Reichtum ge-ben,/ und Ostern kommen lassen in einer Woche" 205.
201 In Auswahl: Zypern: I. H. Hatzikostas, H Kúлроç кαi η( wó̟ τηg. London 1943, S. 33;Thrasyvulu, op. cit., S. 281( Lapithos); Peloponnes: LA 2121, S. 4( Kyparissia), ibid.S. 19f.( Vasiliko), S. 55( Nafpaktos); Zentralgriechenland: D. G. Kampuroglu, Iotopíατων Αθηναίων. Bd. 1. Τουρκοκρατία, περίοδος πρώτη 1458* 1687. Athen 1889, S. 237( Athen); LA 1153b, S. 91 und 143( Arachova); LA 1434, S. 10( Chrysos, Eurytanien); LA2120, S. 13( Amfiklia), S. 19( Lamia), S. 30( Agrinion); Thessalien: Tzartzanu, op. cit.,S. 82f.( Tyrnavos); LA 109, S. 6f.( Muzaki bei Karditsa); LA 981a, S. 42( Elasson); LA1414, S. 3 Aigani bei Tyrnavos); LA 1979, S. 19( Verdikussa im Bezirk Elasson); LA 1983,S. 108( Elasson); LA 2209a, S. 21( Agia im Raum Larisa); LA 2446, S. 94( Sofades); LA2120, S. 7( Mavromati); Epirus: Notidu- Dritsu, op. cit., S. 266ff.; LA 1569, Bd. 2, S. 100( Konitsa); LA 3007, S. 96( Karydia); Griechisch- Makedonien: LA 984c, S. 821f.( Rumlu-ki); LA 2619, S. 14( Kalochi); LA 2612, S. 7f.( Lankadia); Griechisch- Thrakien: LA 2115,S. 7( Kiuplia, bei Sufli); Bulgarien: B. G. Vafeiadis,' Hеη кαш éеα woлów.Laographia 29( 1974) S. 115- 226, bes. S. 130f.( Sozopol).
202 Eine der üblichen Einleitungen: ,, Das Körbchen will seine Eier/ und meine Tasche Mün-zen"( LA 1983, S. 108).
203,, Lazarus ist da, das Palmfest ist da,/ die Hochzeit der Mädchen ist gekommen./Meinelieben Mädchen, setzt euch nieder,/ ihr meine Burschen, stellt euch richtig auf,/ damit wirschwere Körbe bekommen,/ daß wir Eier sammeln und Pfannkuchen"( Kampuroglu,op. cit., S. 237).
204 So im Mädchenlied in Agia bei Larisa: ,, Lazarustag, Lazarustag, und das Ei in meinKörbchen;/ mein Körbchen will seine Eier und meine Tasche Münzen,/ und mein silbernesTaschentuch will auch seine fünf Zehner./Erheb dich, Frau, gib mir das Ei, daß ich zurnächsten Tür geh,/ denn auch sie wartet schon auf mich mit den Münzen in der Hand"( LA2209a, S. 21).
205 LA 2115, S. 7.
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