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Studien zum griechischen Volkslied
Entstehung
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alle anderen Städte und Inseln auch) in die Hände der Türken gefallen ist,um dem Lied gegen Ende doch noch die historisch richtige Wendung zugeben. Das überlieferte Versgut, die gedanklichen und expressiven Schemataund Topoi, werden auf die offenbar durch Sekundärvermittlung nach Kretagelangte Beschreibung von der Belagerung und Entsetzung Wiens ange-wandt und so in den Denk- und Ausdruckshorizont der bestehenden lokalenLiedtradition in Kreta eingegliedert, und zwar so erfolgreich, daß das Liedvon der mündlichen Überlieferung noch bis an die Schwelle des 20. Jahr-hunderts getragen wurde. Die Kraft dieser Amalgamierung an die oikotypi-schen Topoi mag durch ein Beispiel veranschaulicht sein: noch 1960 konnteMichael Herzfeld in Kreta das Klagelied auf den Fall von Rhodos( 1522)aufzeichnen, das sich aber in Übertragung auf die Insel Zypern bezog undSolidarität mit der gegen das britische Protektorat rebellierenden griechi-schen Bevölkerung signalisierte 58. Vor diesem verbindlichen Zwang dertraditionellen Ausdruckskonventionen und geschehnisdeterminierendenVersformeln darf es also nicht wundernehmen, daß Wien von einem ,, con-sole" regiert wird, daß die Türken die Stadt zerstören, Griechenmädchengefangennehmen, und endlich doch alles einen guten Ausgang findet. Hierinweicht das Lied natürlich von den Gattungskonventionen ab59; auch ist esfür die durchschnittliche Länge der Lieder dieser Gattung zu umfangreich,so daß mit späteren Zusätzen, Nachträgen, Änderungen usw. zu rechnen ist.Die Datierung der Entstehung der ursprünglichen Form hängt natürlich mitder Art der Informationsvermittlung zusammen. Immerhin ist es erstaunlich,daß das Lied nur auf der Insel Kreta( in der Funktion einer Art Türkenkämp-ferliedes) existiert und nicht auch in anderen hellenophonen Gebieten. Dasscheint nicht nur an der speziellen Tradierungskraft der mündlichen Über-lieferung auf der isolierten Großinsel zu liegen, sondern auch an speziellenkulturhistorischen Gegebenheiten: die kretische Bevölkerung scheint nochlängere Zeit über den Fall der Insel hinaus Beziehungen besonders nachVenedig und den Jonischen Inseln, die einen Großteil des Flüchtlingsstromesder Kreter aufgenommen hatten, unterhalten zu haben.

Für die Frage, auf welchem Wege die Nachricht von der Belagerung undEntsetzung Wiens, die die Liedgrundlage bilden mußte, in das osmanischokkupierte Kreta gelangt ist, kommen vor allem drei Möglichkeiten inBetracht: 1) mündliche Übermittlung; 2) venezianische Flugschriften; 3) dieÜbersetzung der Geschichte der Belagerung Wiens in die griechische Spra-che durch Jeremias Kakavelas( einem gebürtigen Kreter) in Bukarest 1686.Die persönlichen Kontakte mit der Welt außerhalb des Osmanischen Reicheswaren sicher erschwert, doch keineswegs unmöglich gemacht. So kennenwir etwa den Fall von Petros Katsaïtis, der 1715 beim Verlust von Nauplionin türkische Gefangenschaft geriet, nach Kreta gebracht wurde, mit seinem58 Herzfeld, To asma, op. cit., S. 495.

59 Ein positives Ende, prophetischer Natur allerdings, hat auch das Lied der Hagia Sophia,wo die Mutter Gottes damit getröstet wird, daß ihr die Kirche nach Zeiten wiedergehörenwird.

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