Druckschrift 
Vertriebene und Verbliebene erzählen : Tschechoslowakei 1937-1948 ; Ausstellung und Videoinstallation, 10.2. - 10.4.2016
Entstehung
[Wien] [2016]
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Die jüdische Erfahrung

Aquarell von Adolf Frankl. Deportation einerjüdischen Familie aus Bratislava/ Pressburg am 28.September 1944( Foto: Thomas Frank!).

Juden und Jüdinnen waren neben den eben-falls rassistisch verfolgten Roma und Sinti dieGruppe, die am schlimmsten unter den Nati-onalsozialisten zu leiden hatte. Von 357.000Juden und Jüdinnen, die sich nach 1939 auftschechoslowakischem Gebiet aufhielten,wurden 270.000 im Holocaust ermordet.

Viele von ihnen standen der deutschspra-chigen Kultur am nächsten. In den tschechi-schen Städten waren sie im 19. und frühen20. Jahrhundert Träger des Deutschtums,in der ungarischen Reichshälfte sprachenviele Juden und Jüdinnen ungarisch.

Gegenüber dem tschechoslowakischen

Staat waren sie loyal, umso mehr als dieserStaat vom Deutschen Reich bedroht und derEinfluss des Nationalsozialismus unter derdeutschsprachigen Bevölkerung zunahm.

Die tschechischen Zivilisten verhielten sichin der NS- Zeit den Juden und Jüdinnengegenüber positiv, waren generell nichtantisemitisch und denunzierten selten- imGegensatz zu weiten Teilen der deutsch-sprachigen Bevölkerung, die sich darin zuHandlangern der Nazis machen ließen.

Die Slowaken waren in ihrem Verhalten sehrunterschiedlich. Viele waren Antisemiten undkollaborierten mit den Nazis in der Deporta-tion. Der klerikal- faschistische Ständestaat,mit dem Priester Jozef Tiso als Präsidenten,war besonders unerbittlich in der Deportationund bezahlte das Dritte Reich noch für dieÜbernahme jedes Deportierten. Sogar alsder Vatikan mit Hinweis auf die Existenz vonVernichtungslagern dagegen opponierte,setzte die Regierung die Deportationen 1944fort. Doch gab in der Slowakei auch sehrviele, die Juden und Jüdinnen unterstütztenund versteckten- und zwar besonders unterden Protestantinnen, die in Opposition zumkatholisch- faschistischen Staat standen.

Der Neuanfang in der 1945 wiedererrichtetenTschechoslowakei wurde vor allem bürgerli-chen und primär deutschsprachigen Judenund Jüdinnen erschwert. Arisierter" Besitzwurde selten restituiert und die Einbürgerungwurde hintangehalten, sodass die meisten

Überlebenden die Emigration bevorzugten.

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