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Vertriebene und Verbliebene erzählen : Tschechoslowakei 1937-1948 ; Ausstellung und Videoinstallation, 10.2. - 10.4.2016
Entstehung
[Wien] [2016]
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Zwischen Identitäten

Vladimír Gerlich erklärt den Stammbaumseiner Familie.

Die Nationalitäten der Ersten Tschechos-lowakischen Republik wurden inVolkszählungen abgefragt. Diese botendie Möglichkeit und Voraussetzung zurnationalen Selbstbestimmung innerhalbder Grenzen des Staates, schlossen aberauch einen gewissen Zwang zum nationalenBekenntnis ein. Bei den Volkszählungenin den Jahren 1921 und 1930 wurdenach der Nationalität und der Sprachegefragt, wobei nur Juden und Jüdinnen diebeiden Kategorien unabhängig voneinanderbeantworten konnten. Ansonsten sollte dieAngabe der Nationalität der Sprache folgen.

Was die Frage nach Nationalität und Sprachenicht berücksichtigte, waren die gemischtenEhen und Familien, die in Städten undzweisprachigen Regionen eher die Regel alsdie Ausnahme darstellten( wenn man in denFamilien zwei Generationen zurückging). Siewurden zum Entweder- Oder gezwungen.Nach 1945 entschied die Eintragung beider Volkszählung von 1930 häufig darüber,ob jemand vertrieben wurde oder nicht.

Bis 1938 hatte die nationale Selbstposi-

tionierung vor allem so viel Bewandtnis,

wie der Einzelne ihr geben wollte. Imöffentlichen Leben schien nicht not-wendigerweise auf, ob sich jemand alsTscheche, Deutscher, Slowake, Magyar,Ukrainer, Jude oder Pole definierte. Dienationale Zugehörigkeit wurde sichtbarentsprechend dem individuellen Engagementin national geprägten Organisationen.

Ab 1938/39 entschied die nationale

Identität plötzlich über die Existenz jedesEinzelnen. Für viele war es nach wie voreine Selbstverständlichkeit, wohin sie gehörten", wie wichtig oder unwichtig ihnendie nationale Zugehörigkeit auch immer war.Für andere wurden die Entscheidung undder Bekenntniszwang jedoch zum Dilemma.

Wenig beachtet wird die Tatsache, dassdie Bewohnerinnen der böhmischen undmährischen Grenzgebiete, die nach demVertrag von München dem Deutschen Reicheinverleibt worden waren, zwar automatischzu deutschen Staatsbürgern wurden, aberaufgrund eines deutsch- tschechischenVertrages die Möglichkeit hatten, für dietschechische Nationalität zu optieren. Mankonnte also, wenn man das entsprechendepolitische Bewusstsein hatte, auf dieseWeise loyal gegenüber der Tschechos-lowakei bleiben- oder versuchen, derdeutschen Wehrpflicht zu entgehen.

Die Bewohnerinnen des tschechischenBinnenlandes wurden nach der Annexiondurch das Deutsche Reich und nach derAbspaltung der Slowakei zu Angehörigendes ,, Protektorat Böhmen und Mähren".

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