Druckschrift 
Vertriebene und Verbliebene erzählen : Tschechoslowakei 1937-1948 ; Ausstellung und Videoinstallation, 10.2. - 10.4.2016
Entstehung
[Wien] [2016]
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Vertreibung

WANDRR JD AN DIESER STATTE WEILSBETE FÜR DIE IN GIESEN MASSENGRAB RUHENDEN186 TOTEN!

ES WAREN EHRSAME BÜRGER VON BRUNN!SIE WANKTEN, 1945 AUS DER HEIMAT VERTRIEBEN,STERBEND UBER DIE GRENZE:SCHLIESSE IN DEINIGEBET AUCH DIE ABERTAUSENDOPFER DES BRUNNER TODESMARSCHES EIN,DIE JENSEITS DER GRENZE AM WEGRAINDER FLÜCHTLINGSSEN NAMENLOSEAUS ITEM

Massengrab für die Opfer des Brünner Todes-marsch", die in Drasenhofen überwiegend anDehydrierung aufgrund von Ruhr und an Erschöp-fung starben( Foto: GuentherZ).

Zwangsumsiedlungen waren in Europa be-reits zu einem geläufigen politischen Mittelgeworden, als die Tschechoslowakei mit derVertreibung und Aussiedlung der Deutschen"begann. Zwischen 1938 und 1950 wurden inEuropa etwa 35 Millionen Menschen umge-siedelt. Hitler drohte auch der TschechischenProtektoratsregierung nach dem Heydrich- At-tentat( im Mai 1942) mit der Aussiedlungvon einigen Millionen Tschechen und derNeuansiedlung von 2-3 Millionen Deutschen,also mit einer weitgehenden GermanisierungBöhmens und Mährens. Die Zügellosigkeitder NS- Terrorpolitik beseitigte im Kriegsver-lauf alle Hemmschwellen bei jenen tschechi-schen Politikern, die durch Anwendung vonKollektivschuld möglichst alle Deutschen ausder Tschechoslowakei vertreiben wollten.

In einem graduellen Planungsprozess derTschechoslowakischen Exilregierung unterEdvard Beneš wurden die numerischen Zieleder Aussiedlung immer weiter erhöht- bis

hin zur möglichsten Vollständigkeit, welcheexplizit die Anwendung von Kollektivschuldbedeutete. Je mehr Beneš mit seinen Plänenbei den Alliierten Gehör fand, umso weiterwurde die deutsch- sozialdemokratischeExilregierung unter Wenzel Jaksch, dieebenfalls in London bestand und ursprünglichmit Beneš gemeinsam gegen die Nazis zukämpfen versuchte, aus dem politischenDiskurs hinausgedrängt. Feine" individu-elle Unterscheidungen von Mitschuld oderUnschuld am NS- System waren auch unterden Alliierten- mit Ausnahme der USA-weitgehend unerwünscht. Massenvertreibungwurde als das probate Mittel der, ethnischenEntmischung" in weiten Teilen Europasangesehen. In einer grausigen Rhetorikwurde die Gewalt der Massenvertreibungden ansonsten drohenden Ermordungenvon Deutschen gegenübergestellt,als ob diese unvermeidlich wären.

Die Tschechoslowakische Regierungbegann mit der Vertreibung, lange bevor dieAussiedlung auf der Potsdamer Konferenzim August 1945 offizielle internationaleZustimmung fand. Bis dahin wurden etwa800.000 Deutsche vertrieben, oft auf äußerstgewaltsame oder so desorganisierte Weise,dass das Massensterben vor allem vonKindern und älteren Menschen unvermeidlichwar. Politisch ungeplant waren die wilden"Vertreibungen nicht. Die politische Führungwusste von diesen. Präsident Beneš, ProkopDrtina und andere hatten sie durch nationaleBrandreden ab April 1945 gefördert.

Zugleich mit den wilden Vertreibungen wurdeein weit verzweigtes Lagersystem errichtet:

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