nicht allzu sehr um die Religion kümmern. Der Brauch geht auf ein histo-risches Ereignis zurück. Ein Patriarch von Konstantinopel, namens Sergius,soll nämlich im 7. Jahrhundert Byzanz ganz allein gegen die Awaren zu ver-teidigen gezwungen gewesen sein, da der Kaiser ins Feld gezogen war. In seinerNot rief er Maria um Hilfe an und versprach ein bestimmtes Gebet, woraufihm die erbetene Hilfe zuteil wurde. Diese Andacht trägt den Titel„ Die vier-undzwanzig Anrufungen". Sie werden in der Form vorgenommen, daß anden ersten vier Freitagen je sechs gebetet werden und am letzten Freitag allevierundzwanzig nochmals geschlossen wiederholt werden. Das Volk hat heutevom legendären Ursprung dieser Andacht keine Ahnung mehr und betrachtetsie einfach als eine besondere Form der Marienverehrung. Am Freitag vordem Schwarzen Sonntag, an welchem die letzte Andacht stattfindet, führteuns Dr. Loukatos persönlich durch sieben Athener Kirchen, damit wir einenmöglichst vielseitigen Eindruck von diesem volkstümlichen Kulte gewinnenkönnten. In jeder der Kirchen war die Stimmung eine andere, denn man kannsich denken, daß die Liturgie in der großen, neuen Metropolis von Athen einganz anderes Gesicht hat als etwa in der kleinen, uralten Kirche der heiligenIrene. Zudem besitzt die Geistlichkeit in der Abhaltung der Liturgie ein ziem-liches Maß an Freiheit, was sowohl die Wahl des liturgischen Kleides als auchden Schmuck der Kirche betrifft.
Daneben gibt es zu Sissia noch ein anderes Marienbild, das gleichfalls alsGnadenbild angesehen wird. Dieses ist zusammen mit einer zweiten Ikone,einem Auferstehungsbildnis, Objekt eines merkwürdigen Brauches. JedesJahr werden beide Ikone am ersten Sonntag nach Ostern, einer uralten Tra-dition folgend, in die alte Hauptstadt der Insel, das hochgelegene und burgen-gekrönte Kastro gebracht, wo sie drei Wochen bleiben, während welcher siealle drei Kirchen des Ortes besuchen und je eine Woche darin verweilen. Amvierten Sonntag nach Ostern kehren sie in ebenso feierlicher Weise nach Sissiazurück. Als wir im Jahre 1953 das Kloster von Sissia besuchten, waren dieBilder gerade auf der Wanderschaft, für uns ein Grund mehr, das alte Kastroaufzusuchen. Das Kloster Sissia ist ein schöner, alter Bau mit offenen Loggienim ersten Stock und einem schönen, gepflegten Garten im Hof. In der Kirchebefindet sich ein Legendenbild des heiligen Gerasimos; Votivgaben sind keinevorhanden. Der geschilderte Brauch ist nach Loukatos53) katholischen Ur-sprungs und geht auf einen Befehl der venezianischen Regierung zurück, die,als sie Sissia den orthodoxen Mönchen übergab, verlangte, daß die Ikone( da-mals war es ja noch die Madonna degli Assisi) jedes Jahr einmal nach Kastrogebracht werden sollte, und zwar aus Anlaß der festlichen Begehung desMarkustages, des großen Schutzherrn der Venezianer. Die Prozession geht alsowohl schon auf das 16. Jahrhundert zurück. Die Legenden, welche den Brauchumranken, geben andere Erklärungen. Eine von ihnen wurde uns von einemMönch in Sissia persönlich erzählt. Vor vielen, vielen Jahren habe es einmaleinen sehr reichen Mann gegeben, der in Kastro wohnte. Er hätte zahlreiche
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