Diese Darstellungsform ist mit der auf einem mit einem Kissenbelegten Stuhl sitzenden Nikopoia verwandt, die das Kind vor sichauf dem Schoße hält. In ihrer starren Komposition sind die Abbildun-gen mit den thronenden Mariendarstellungen vergleichbar, wie wirsie auf den frühchristlichen Apsismosaiken in Rom antreffen und diein ihrer monumentalen, streng symmetrischen Frontalausrichtung inbyzantinischen Kirchen zum gängigen motivlichen Repertoire zählen.Typisch daran ist die unpersönliche Art der Darstellung, in der Ge-fühlsausdrücke fehlen. Diese Variante des Marienbildnisses hielt sichin der morgenländischen Glossar ::: zum Glossareintrag morgenländischen Kunst bis weit ins zweite nachchristlicheJahrtausend. Von der„ byzantinischen Steifheit" steckt, zumindestwas die strenge Frontalität betrifft, auch etwas in den von Rußlandins Lager geschickten Fotografien. Ebenfalls sehr sparsam ist dieGestik der Abgelichteten: Da ist kein Platz für ein Lächeln oder einNeigen des Kopfes in die eine oder andere Richtung, welches dieschwermütigen Bildkompositionen etwas aufgelockert hätte. Selbstdie Kinder wirken wie eingefroren. Weiter ist beobachtbar, dass dieFüße der auf dem Schoß der Mutter sitzenden Kleinkinder auf vielenFotografien nackt sind( vgl. Abb. 4).
Dies mag einerseits zunächst damit zusammenhängen, dass dieFotografierten aus ärmlichen Verhältnissen stammen und für dieschnell wachsenden Kinderfüßchen nicht immer die passendenSchuhe gekauft werden konnten- wobei Barfußlaufen zwischenMärz und Oktober auf dem Land insgesamt durchaus üblich war.Andererseits war der Gang zum Lichtbildner immer etwas besonde-res, der mit dem( seltenen) Besuch in der Stadt verknüpft war undder dementsprechend zumeist im Sonntagsstaat zelebriert wurde.Der Atelierfotograf seinerseits überließ bei seiner Bildkompositionsicherlich nichts dem Zufall und hätte wohl seinen bedürftigen Kun-den für die Aufnahmesituation passende Schuhe aus seinem Funduszur Verfügung gestellt. Deshalb ist davon auszugehen, dass dieinszenierten Bilder in eine ganz bestimmte Richtung führen sollten:Die bloßen Füße verweisen als Zeichen der Unschuld direkt auf dasin der Kunst oft nackt und meist barfüßig dargestellte Jesuskind,genauso wie die Insignien Buch oder Papierrolle, die einige derKinder in der Hand halten( vgl. Abb. 1). Buch und Rolle können beiJesusdarstellung als allgemeines Symbol für Weisheit gelesen wer-den. In Verbindung mit Maria nehmen die beiden Attribute Bezug zurVerkündigung auf die Erfüllung der Verheißung des Jesaja.
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