Druckschrift 
Die Kuenringer in Sage und Legende
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Abschiedes hinaus und eilte von dannen. Er soll kein Wort gesprochenhaben, bis er in Wien angekommen war, wo er solchen Heldenmut be-wies, daß ihm Kaiser Karl V. den Ritterschlag, ein Streitroß und einegoldene Kette zum Lohne erteilte. Nach der Befreiung Wiens vernahmer, daß sich sein Freund Traun im Schlosse Petronell befände, weil dieFamilie Rappottenstein verlassen und sich mit allen geschichtlichen Er-innerungen und Seltenheiten in das auf den Trümmern des alten Car-nuntums erbaute Schloß begeben hatte. Er beschloß daher, sie mit seinemBesuche zu überraschen. Nach den ersten Stunden des Willkommensdurchwandelten die Freunde die weiten Säle Petronells und kamen indie Halle, wo von Rappottenstein die Ahnentafel und Familienbilderder Kuenringer aufgestellt worden waren. Hier rief der Magyar plötz-lich aus: Sie sind's! diese beiden sind's, die ich kämpfen sah!" Undnun offenbarte sich, was durch lange Zeit unbekannt geblieben war,nämlich, welches Paar vom Hause Kuenring, die feindlichen Brüder

waren.

( Aus: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz. Wien 1924, Band 2,S. 21 f.)

Nr. 29

Der nächtliche Zweikampf

Im alten Schlosse Rapottenstein am Kamp ist ein Gemach, in dem esgeistert. Der Sage nach lebten hier einmal zwei Brüder aus dem Grafen-geschlechte der Kuenringer, die sich, weil beide dasselbe Weib Glossar ::: zum Glossareintrag  Weib liebten,grimmig haßten. Da beschloß der eine, den anderen im Schlafe zu er-schlagen. Er schlich sich auch einmal in der Nacht in seine Kammer;aber der andere war rechtzeitig erwacht, griff zum Schwerte, das erstets vorsichtshalber neben seinem Bette bereit gestellt hatte, und nunentstand in der Finsternis ein furchtbares Dreinschlagen, Schreien undPoltern, das mit dem Tode beider Ritter endete. Seit jener Zeit kämpfendie unseligen Geister der Toten, in gewissen Nächten, in einem Gemacheder Burg, begleitet von dem schrecklichen Kampfgetöse der Streiter.Einstmals kam ein jugendlicher Ritter, aus dem Ungarlande, als Gastauf die Burg, wo man ihm die Geistergeschichte erzählte. Da beschloẞder Gast in dem Gemache, wo der Spuk sich hören ließ, zu nächtigen.Man riet ihm ab, aber er bestand auf dem Abenteuer. Als sich aberder Gast nächsten Morgens nicht sehen ließ, drang man in das Schlaf-gemach ein und fand den jungen Ritter, wie zu Stein gewandelt, dieFaust am Säbel, mit starrem Blicke gegen die Mitte des Gemaches auf

75