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Was mir der alte Mann erzählte : Märchen aus d. Burgenland
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8. Die Bettlerin

Es war einmal eine alte Bettlerin, die ging von Haus zu Hausund von Tür zu Tür, um sich Almosen zu sammeln. Die Bettlerinbekam oft mehr, als sie verzehren konnte. Doch statt davon anderenArmen zu geben, trug sie alles nach Hause und legte es in ein großesFaß, das sie in einem Kämmerlein stehen hatte.

Als das Faß voll war, erkrankte die Bettlerin, und sie merkte wohl,daß es mit ihr zu Ende gehe. Da ließ sie den Pfarrer kommen, derversah sie mit den Tröstungen der Religion. Es war aber, als ob sienoch einen Kummer in ihrem Herzen hätte, der sie nicht sterben ließ.Da fragte sie der Pfarrer, ob sie ihm vielleicht noch etwas anzu-vertrauen hätte, damit ihre Seele erleichtert würde.

,, Ach ja," sagte sie ,,, ich habe da in der Nebenkammer ein großesFaß voll Almosen zusammengespart, und es drückt mir fast das Herzab, daß jetzt andere Leute davon genießen sollen und ich sie nicht mit-nehmen kann."

Kaum hatte die Bettlerin diese Worte gesprochen, so verwandel-ten sich die Almosen in dem Fasse in lauter Kröten und Schlangen.Die kamen scharenweise zur Tür hereingeströmt. Die Kröten legtensich zentnerschwer auf ihre Brust und nahmen ihr den Atem. DieSchlangen aber bissen sie, legten sich um ihren Hals und erwürgtensie.

So mußte die alte Bettlerin für ihren Geiz einen qualvollen Toderleiden.

9. Die beiden Waisen

Es waren einmal zwei Geschwister, ein Knabe und ein Mädchen.Der Knabe hieß Eduard und das Mädchen Marie. Sie hatten schonlange keinen Bater mehr, und nun war auch ihre Mutter gestorben.So standen sie einsam und verlassen und arm in der Welt.

Da sie in dem kleinen Dorfe, in dem sie lebten, weder Unterstüßungnoch Verdienst erhalten konnten, zogen sie in die weite Welt, um sich

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