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Was mir der alte Mann erzählte : Märchen aus d. Burgenland
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6. Bruder Liederlich

Ein reicher Mann hatte einen Sohn. Der war aber liederlich und hatmehr Geld vertan, als der Vater erwerben konnte. Man nannte ihndarum den Bruder Liederlich. Der Vater gab ihm einen BeutelGeld, schickte ihn in fremde Länder und hoffte, daß ihn die Weltbessern werde.

Bruder Liederlich reiste und lebte in Saus und Braus, bis er dasGeld bis auf den letzten Heller verjubelt hatte. Als er ganz ohne Geldwar,kam er zudem in eine unwirtliche Gegend. Da fand er keinHaus, das ihm Herberge bieten, und keinen Menschen, der ihm einAlmosen hätte geben können. Tagelang irrte er in der trostlosenGegend umher und mußte sich von wildwachsendem Obst nährenund unter freiem Himmel schlafen. Da dachte er oft an die vollenSchüsseln in des Vaters Haus, und wie er sich so gerne bessern möchte,wenn er nur dort sein könnte.

Endlich kam er nach langem Umherirren an ein einsames Haus.Davor saß ein Mann, der fragte ihn, ob er nicht in seine Dienstetreten wolle.

,, ja, Herr!" antwortete Bruder Liederlich, gebt mir zu essen,so will ich arbeiten, was Ihr mir nur schaffet."

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Sein Herr wies ihm ein kleines Stübchen an, dort sollte er woh-nen. Als es Abend geworden war, kam ein Mädchen zu ihm herein,das brachte ihm das Nachtmahl. Das Mädchen setzte sich ein Weil-chen zu ihm und begann zu erzählen.

,, Armer Bruder Liederlich," sprach das Mädchen ,,, du bist an keinenguten Ort gekommen. Dieses Haus bildet den Eingang zur Hölle,und dein Herr ist der Böse. Du hast dich hier für dein liederlichesLeben einer harten Probe zu unterziehen. Bist du willig und lösestdu die Aufgaben deines Herrn ohne Murren, so kannst du befreitwerden und wieder in die Welt zurückkehren. Damit dir dies gelinge,will ich dir helfen, vielleicht kannst dann auch du mir helfen."

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