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Was mir der alte Mann erzählte : Märchen aus d. Burgenland
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Widmung

Un mein liebes Söhnchen Waldemar!

Es war zur Zeit, als Du Deine ersten Höschen trugst, da kam aneinem Sonntagnachmittag im Winter, als die weißen Schneeflockenlustig vom Himmel zur Erde herniedertanzten, der alte Mannzum erstenmal zu mir. Du schautest ihn mit Deinen großen blauenAugen verwundert an. Das dunkle Haar, das ihm wirr über dieStirne hereinfiel, und der große weiße Bart, der sein wetterge=bräuntes Gesicht umrahmte, sie haben Dir fast Angst gemacht. Undals ich die kräftigsten Register meiner Stimme zog, um mich demarmen tauben Mann verständlich zu machen, und er mit tieferStimme in seiner Mundart, von der Du ja kein Wort verstandest,mir Antwort gab, da begann Dir Dein kleines Herz bei unseremDir ungeahnten Zwiegespräch wohl noch heftiger zu schlagen. Deralte Mann nahm dann an unserem Tische Platz und begann zu er-zählen. Meine Feder aber raschelte flink über das Papier hin undzeichnete auf, was er sprach. Da sahst Du noch immer aus derStubenecke von Deinen Zinnsoldaten scheu zu ihm empor. WeißtDu's noch?

Wie er dann nach mehreren Stunden ging, da tratest Du zu mirheran und wolltest wissen, wer der alte Mann sei, und ob er dochnicht wiederkäme. Ich erzählte Dir hierauf, daß es ein gar armer,aber braver Mann sei, der jahraus, jahrein im Sonnenbrand undauch im Wettersturm mit dem großen Besen in der Hand die Straßenunserer schönen Stadt kehre. Tobias Kern heiße er, so sagte ichDir weiter, und er sei schon über die sechzig Jahre alt, im Herzen

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