VII
Vergleichssammlungen, Vergleichende
Volkskunde
Man tut der Größe Michael Haberlandts keinen Abbruch,wenn man sich klarmacht, daß seine Sammelleidenschaft, seinDrang, ganz persönlich ein großes Museum zu schaffen, ihnjederzeit dazu verführen konnten, den Begriff„, Volkskunde"nach seiner jeweiligen Einstellung auszulegen. Zur Zeit derGründung versuchte er der Volkskunde eines Vielvölkerstaatesdas Wort zu reden. Aber schon wenige Jahre später verlocktenihn Erwerbungen aus Volkslandschaften außerhalb der Monar-chie dazu, auch diese zu rechtfertigen. Schon früh tauchtWort und Begriff des„ Vergleiches" auf, aus der völkerkund-lichen Tradition Haberlandts verständlich. Seit Haberlandtakademischer Lehrer geworden war und„ Ethnographie" las,traten bald erste Schüler auf den Plan, die unter diesem Ge-sichtspunkt zu Sammlern wurden. Durch sie, durch ihre geistigeund materielle Leistungsfähigkeit wurde Haberlandt erstaun-lich bald zur Erweiterung seiner„, Vergleichsbestände" bewogen.Der wichtigste, auch finanziell leistungsfähigste dieser frühenSchüler war Rudolf Trebitsch, der Sohn eines Wiener Seiden-fabrikanten vom Brillantengrund, der Medizin studiert hatte,sich aber bald ganz der im Aufstieg begriffenen Anthropologieund Ethnologie wie auch der Linguistik widmete. Wenn Haber-landt in seinem Fach das„ fin de siècle" repräsentierte, sowar Trebitsch, der Altersgenosse von Stefan Zweig, der Ver-treter von ,, Jungwien" in diesem Kreis. Er hatte schon 1906eine Expedition nach Westgrönland unternommen, wandte sichaber dann vor allem den sprachlichen Restvölkern Westeuropaszu, die er volkskundlich und linguistisch zu untersuchen beschloẞ.Haberlandt hatte in seinen Vorlesungen immer nachdrücklichauf diese Restvölker hingewiesen. Die Zeit sah in ihnen vorallem die„ primitiv Glossar ::: zum Glossareintrag primitiv" verbliebenen Ahnen Europas. Die französi-
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