IX
Bestand und Wandlung
Wenn man in den Jahren um 1930 in das stille Palais in derLaudongasse kam, spürte man deutlich das Verharren, dasStehengebliebensein auf einem einmal erreichten Stand. DieSammlungen waren nunmehr über das ganze Haus ausgebreitet,sehr dicht aufgestellt, nur Gegenstände, fast ohne museale Ver-lebendigungsmittel. Die„ bunte Fülle des Volkslebens" solltezum Besucher sprechen. Da dieser aber aus einer rasch undgründlich gewandelten Welt kam, wurde er nur bei sehr großerEmpfänglichkeit angerührt, sonst häufig eher abgestoßen.Dunkelheit, Modergeruch, geringe Reinlichkeit waren keineEmpfehlungen für eine derartige Sammlung, die wie ein Monu-ment für die Volkskulturen der vergangenen Monarchie zeugensollte.
Wenn man in den Wintermonaten das Museum besuchenwollte, konnte man es nur von einer Nebenstiege aus betreten.Der Weg führte dann in den großen Keramiksaal, wo diegewaltigen Mengen der Ofenkacheln und der Bauernmajolikaden breiten Grenzstreifen zwischen Handwerkskunst und Volks-kunst markierten. Im anschließenden kleinen Stiegenhaus, dasmit hölzernen Stellagen für Kacheln erfüllt war, wirkte die,, Ofenbäuerin", ein figuraler Kachelofen aus Perg in Oberöster-reich, etwas gespenstisch. Zumal, wenn man den weiteren Blickauf die nächsten Räume tat, die den Huzulen in den Ost-karpathen gewidmet waren. Anschließend traf man Tracht undSchmuck der Polen, Ukrainer und Rumänen im Karpathen-gebiet, auch auf deren Holzschnitzerei, Gelbguß und Töpferei-ware. Ein allzu schmaler Zwischenraum, der in den Haupttraktan der Laudongasse führte, war den Polen in den Beskidenund der Tatra gewidmet. Man sah Trachtenfiguren von Goralenund Jazygen, ihre Milchgefäße und Kerbstöcke, Zeugnisse einersehr weit entfernten Volkswelt. Der nächste große Raum, den
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