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Volkskunst
Wie das Ende des 18. Jahrhunderts für die Schöpfung undAufnahme des Begriffes„ Volkslied" reif geworden war, so fieldem beginnenden 20. Jahrhundert der Begriff ,, Volkskunst" inden Schoß. Die nüchterneren Vorformen haben sich beidemalin den französischen Bezeichnungen erhalten:„ Chanson popu-laire", das volkstümliche Lied, ist ebenso nüchtern und etwasabwertend wie„, l'art populaire", die volkstümliche Kunst, vonder man international zu sprechen begann, bevor noch dieknappere, weitaus schlagkräftigere, innerlich aber auch be-deutend unklarere deutsche Formulierung als Wortprägunggeläufig wurde.
Das große Deutsche Wörterbuch von Moritz Heyne kennt imJahr 1895 das Wort noch gar nicht. Vielleicht ist es im Zu-sammenhang mit den Bemühungen um die Gründung desVereines für Volkskunde in Wien um 1890-1894 geprägtworden. Jedenfalls verwendet es der Kunsthistoriker Alois Rieglzuerst in seinem 1894 veröffentlichten Büchlein„ Volkskunst,Hausfleiß und Hausindustrie", das gewissermaßen das kunst-wissenschaftliche Echo auf die Exnersche Hausindustrie- Aus-stellung von 1890 darstellt. Dieses schmale Bändchen des hoch-bedeutenden Wiener Kunsthisorikers stellt jedenfalls den erstenVersuch dar, das bisher theoretisch kaum begangene Feld dieser,, Volkskunst" einmal abzugrenzen, seine Eigenart herauszustel-len. Der Ausgangspunkt Hausfleiß- Hausindustrie war dafürzwar charakteristisch, aber keineswegs glücklich. Die Definition,, Anfertigung im eigenen Haus für den eigenen Bedarf, und dieAllgemeinverständlichkeit seiner durch die Tradition bedingtenFormen" ist vor allem im ersten Teil unzutreffend. Nicht einmaldie in der Exnerschen Ausstellung gezeigten Volkskunstwerkewaren jeweils„ im eigenen Haus für den eigenen Bedarf" her.gestellt; man hatte offensichtlich stark den weiblichen Hausfleiß
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