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Das österreichische Museum für Volkskunde : Werden und Wesen eines Wiener Museums
Entstehung
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Volkskunde der Balkanländer

Die mehr als ein Jahrhundert währenden Bemühungen Öster-reichs um den Nordwesten der Balkanhalbinsel müssen vonder Stellung Österreichs an der Adria her verstanden werden.Österreich stand einerseits seit dem Mittelalter hier schon infesten Besitzverhältnissen, hatte aber besonders nach dem Endeder Republik Venedig deren illyrisches Erbe angetreten. Damitwar es auch hier zum Nachbarn der Türkei geworden, dereneuropäische Machtposition seit dem griechischen Befreiungs-kampf unaufhörlich im Schwinden begriffen war. Das durchden Verlust von Venetien und der Lombardei enttäuschte Habs-burgerreich griff nach dem Russisch- Türkischen Krieg von 1877zu und okkupierte 1878 Bosnien und die Herzegowina. Damitwar der balkanisch- südslawische Anteil der Monarchie gewaltigangewachsen und verlangte in jeder Hinsicht seine Berück-sichtigung. Die politisch- militärische Fortsetzung des begon-nenen Unternehmens erfolgte durch die Annexion von 1908,die freilich in der Folge den Weltkrieg von 1914 auslöste, undso mittelbar das Ende der Monarchie herbeiführte.

Der aber immerhin fast ein halbes Jahrhundert ganz neueröffnete nordwestliche Balkanraum, der vordem für die Wissen-schaft eine terra incognita darstellte, zog wesentliche Kräfteaus den verschiedensten Gebieten, vor allem der Anthropologie,Ethnographie, Prähistorie und Archäologie stark an. Schon1888 wurde das bosnisch- herzegowinische Landesmuseum inSarajewo gegründet, und wieder war es kein anderer als MoritzHoernes, der dem ganzen Gebiet die erste wissenschaftlicheZeitschrift in der Form der, Wissenschaftlichen Mitteilungenaus Bosnien und Herzegowina( 1893 ff.) gab, von der bis1916 dreizehn wuchtige Bände mit bedeutenden Beiträgen,durchwegs in deutscher Sprache, erschienen, eine unschätzbareBereicherung. Ausstellungen in Wien wie die, Bosnisch- Herzego-

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