Vorwort
Das Österreichische Museum für Volkskunde ist seit seiner Grün-dung vor nunmehr ungefähr fünfundsechzig Jahren das Zentrum derSammlung, Erforschung und Darstellung der traditionellen Volkskulturim österreichischen Raum. Was an greifbaren Zeugnissen des alther.gebrachten Lebens in überlieferten Ordnungen erfaßt werden konnteund kann, das wurde und wird hier in seine wissenschaftlich begrün-deten Zusammenhänge gerückt, alle Einrichtungen des Museums sindimmer darauf abgestellt gewesen und in dieser Richtung auch wiederverbessert und erneuert worden. Im Gegensatz zu den Kunstsammlun-gen des Kaiserhauses, die eine lange Vergangenheit haben, aber dielängste Zeit keinen fachlich- wissenschaftlichen Zwecken dienten, istdieses Museum, was man auf dem Gebiet des geisteswissenschaftlichenMusealwesens betonen muß, von vornherein für das Fach Volkskundegeschaffen worden, als tragende Institution einer erst im Werden be-griffenen Disziplin, die auf diese Weise früher und sicherer diemuseale als die akademische Anerkennung fand. Umgekehrt hat dieÖffentlichkeit, und zwar sowohl die wienerische wie die ganze öster-reichische, und diese einstmals weit hinaus im ganzen Bereich deralten Monarchie, hat die interessierte Öffentlichkeit also an diesemMuseum erst gelernt, worum es sich bei dieser Volkskunde eigentlichhandelt. Da hat also die wissenschaftliche Erarbeitung ständig auchsehr rasch volksbildnerische Folgen gehabt.
Dennoch entzieht sich das Wesen, vor allem aber das Werden einessolchen Fachmuseums weitgehend der öffentlichen Kenntnis. Es magdaher einmal erlaubt sein, wenigstens in kurzer Form über Entstehung.und Geschichte des Museums zu berichten, die Eigenart seiner Be-stände wie deren Bearbeitung darzustellen, und so den bildhaftenCharakter der musealen Darstellungsform durch das erzählende Wortzu unterstützen.
Diese Darstellung versucht das Werden und Wesen des Museumsso objektiv wie möglich nachzuzeichnen. Impulse, Strömungen despolitischen und wirtschaftlichen wie des geistigen, vor allem deswissenschaftlichen Lebens mußten dabei ebenso angedeutet werdenwie das Wesen und Wirken der Menschen, die an dem Gesamtwerkbeteiligt waren. Dabei konnten freilich bei weitem nicht alle beteilig-ten Persönlichkeiten, vor allem nicht alle Sammler auch nur erwähntwerden, denen das Museum so viel verdankt. Immerhin wurde ver-sucht, eine größere Anzahl solcher für das Werden unserer Volkskundeso wichtiger Persönlichkeiten anzuführen, da gerade Beobachter undSammler sonst biographisch kaum gewürdigt werden. Je kürzer derAbstand zur Gegenwart wurde, desto sparsamer mußten solche An-
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