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Bulgarisch-österreichisches Kolloquium Europäische Ethnologie an der Wende : Perspektiven - Aufgaben - Kooperationen ; Referate der 1. Kittseer Herbstgespräche vom 10. bis 12. Oktober 1999 ; anläßlich der Jahresausstellung "Zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren - Historische Kalenderbräuche aus Bulgarien" vom 20. Juni bis 1. November 1999 in Schloß Kittsee
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Nach der Wende und an der Grenze

Neuorientierungen in der bulgarischen Geschichtswissenschaftnach 1989¹

Ulf Brunnbauer

Einleitung

Zehn Jahre nach der Wende" von 1989 wird allenthalben Bilanzgezogen. Die sozialen und ökonomischen Konsequenzen der Tran-sition werden ebenso reflektiert wie die politischen Folgen. Für fastalle betroffenen ost- und südosteuropäischen Staaten fällt die Bilanzambivalent aus: Dem großen Fortschritt an politischen Freiheiten undPartizipationsmöglichkeiten sowie in den Bürgerrechten stehen tiefgehende soziale Verwerfungen, Verarmung breiter Bevölkerungs-schichten sowie in vielen Ländern wirtschaftlicher Rückschritt gegen-über.2 Ähnlich widersprüchlich würde eine Bilanz in den verschiede-nen Wissenschaften ausfallen(, würde', da eine solche für die mei-sten Transformationsstaaten noch aussteht). Auch in diesem Bereichwar die Wende mit vielen neuen Möglichkeiten und Herausforderun-gen, aber auch mit Schwierigkeiten und rückläufigen Entwicklungenverbunden. Besonders betroffen waren naturgemäß diejenigen Wis-senschaften, denen im Sozialismus eine führende ideologische Rollezugedacht worden war, und solche, deren wirtschaftliche Nutzbarkeitsich in Grenzen hielt. Auf die Geschichtswissenschaften trafen beideMankos zu, und dementsprechend gravierend waren die Änderun-gen, denen sie in der post- sozialistischen Wissenschaftslandschaftausgesetzt waren. Für die meisten nationalen Geschichtswissen-schaften bedeuteten diese Umbrüche, dass sie im Rahmen derinternationalen historiographischen Diskurse noch weiter marginali-1 Dieser Beitrag ist ein Resultat des vom österreichischen Fonds zur Förderung derwissenschaftlichen Forschung( FWF) finanzierten Forschungsprojektes ,, Ökologie,Arbeitsorganisation und Familienformen auf dem Balkan. Hochgebirgsgesell-schaften im Vergleich", das ich seit Oktober 1997 zusammen mit meinem KollegenRobert Pichler unter der Leitung von Karl Kaser an der Abteilung für Südost-europäische Geschichte an der Universität Graz durchführe.

Für ihre ausführlichen Hinweise möchte ich meinen bulgarischen KolleginnenKristina Popova( Blagoevgrad), Rajna Gavrilova( Sofia), Anelia Kassabova( Sofia,derzeit Wien) und Borjana Panajotova( Quebec) danken. Ohne ihre Informationenund Anregungen, aber auch Kritik hätte dieser Beitrag nicht geschrieben werdenkönnen.

2 Vgl.: UNDP( Hg.): Transition. Human Development Report for Central and EasternEurope and the CIS 1999, New York 1999.

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