Die Ethnologie- ein Abbild der Welt
Milena Benovska- Subkova
Während der vergangenen drei Jahrzehnte wurden sowohl die er-kenntnistheoretische Basis als auch das axiologische System derEthnologie durch die Änderungsprozesse der Paradigmen der For-scher in der Ethnologie auf die Probe gestellt. Die Impulse fürNeuinterpretation und Neuorientierung kamen von der Ethnologie imengen Sinn des Wortes( vgl. z.B. Bausinger 1961; Dow und Lixfeld1986), aber auch aus den Kreisen der Historiker, Sozialhistoriker undSozialanthropologen( Hobsbaum und Ranger 1983; Gellner 1983;Dressel 1996). Eine bedeutende Rolle in diesem Prozess spielteauch die Entwicklung der politischen Anthropologie( Balandier 1969;Bailey 1991; Anderson 1991). Die heutige Kritik an der Entwicklungder Ethnologie vor dem Zweiten Weltkrieg betrifft ihre ideologischenVerwicklungen und das verzerrte Weltbild, welches sie zeichnet: dieDarstellung einer Reliktkultur als richtiggehende Realität, Idealisie-rung von„, Volk" und der„ Volksseele", nationalistische Ausrichtungen.Über diese Angelegenheit schreibt Hermann Bausinger folgendes:,, In Deutschland waren Folklore und Volksleben nicht sosehr Wirk-lichkeiten als anti- modernistische Konstruktionen, auf eine rück-schrittliche Ideologie gegründet und eine Kompensation für die Ent-fremdung des modernen Lebens"( Bausinger 1990: XI). Heute teilennicht Wenige diese Meinung, obwohl Bausinger seine Kritik in ersterLinie an die wissenschaftliche Tradition in seinem eigenen Landrichtet. Anders als er empfinden Andere die Rückschläge der Ethno-logie als weit entfernt von ihrem eigenen Haus und ziehen ganz offenideologische Grenzen entlang der Linie zwischen Ethnologie undAnthropologie oder legen die ganze Last des ideologischen Erbesder Volkskunde allein auf Osteuropa( vgl. z.B. Karnoouh 1990; Zador1985; Silverman 1989).
,, Das hässliche Gesicht der mittel- und osteuropäischen ethnologi-schen und folkloristischen Medusa", so die geistreiche Metapher vonSlobodan Naumović, verdient es ohne Zweifel, völlig enthüllt zuwerden( Naumović 1998: 109). Jedenfalls versucht der junge jugo-slawische Ethnologe von dieser Position aus die Klischees zu zerstö-ren und das nicht so einfache und homogene Bild der Ethnologie desBalkans herauszubringen so wie er es sieht. Er sucht nach derBesonderheit der Ethnologie des Balkans im Syndrom des„, doppeltZugehörigen", das heißt in der Gestalt des Ethnologen vom Balkan,
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