Fettnäpfe und andere Fallen: Der noch weiteWeg zu einem gleichberechtigten europäischenDialog in den anthropologischen
Wissenschaften- ein Erfahrungsbericht
Gert Dressel
Dieser Beitrag ist im Kontext einer Tagung entstanden, in demÖsterreichische und bulgarische Ethnolog/ innen, Volkskundler/ innenund Historische Anthropolog/ innen über die Perspektiven einer Eu-ropäischen Ethnologie diskutiert haben. Die gemeinsame Diskussiondrehte sich dabei u.a. um die Bedingungen und Möglichkeiten einesgleichberechtigten ethnologischen Dialogs in Europa¹- ein gleichbe-rechtigter Dialog also zwischen den Vertreter/ innen der verschiede-nen„ nationalen" Ethnologien( und Volkskunden und HistorischenAnthropologien) in„ West“ und„( Süd-) Ost". Der Weg dahin, so be-haupte ich, ist freilich noch sehr weit.
Es fängt schon bei der Sprache an. Wir alle wissen, dass deutsch-sprachige Publikationen( und englischsprachige sowieso) in der Hier-archie der wissenschaftlichen Reputation mehr zählen als beispiels-weise eine bulgarischsprachige Publikation. So wie ein Studien- undForschungsaufenthalt in den USA einen besseren Ruf verschafft alseiner in Sofia. Es wird zwar gerade auch in Österreich viel von derNotwendigkeit einer vermehrten internationalen Orientierung vonWissenschaft gesprochen. Aber es gibt eben eine wenig ausgespro-chene und daher umso stärker wirkende Hierarchie der Länder,Regionen und Sprachen. Und in dieser Hierarchie, die ja vor allemauch von Repräsentant/ innen des„ Westens" formuliert und geschaf-fen worden ist, drücken sich kulturelle Vorstellungen der West- undMitteleuropäer/ innen über Südosteuropa aus. Genauso wie sichdarin auch gegenwärtige politische und ökonomische Herrschafts-verhältnisse manifestieren. Sei es das Schengen- Europa, sei es daskrasse ökonomische Ungleichgewicht zwischen West- und Osteuro-pa- all das und vieles andere beschränken massiv die Möglichkeitenbulgarischer Kolleg/ innen, am westlichen Wissenschaftsdiskurs teil-haben zu können. Während wir Österreicher/ innen stets und ohne
1 Der Begriff geht ursprünglich auf die französische Ethnologin Martine Segalenzurück. Für den Hinweis danke ich Reinhard Johler: Martine Segalen: L'autre et lesemblable. Regards sur l'ethnologie des sociétés contemporaines, Paris 1989.
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