Druckschrift 
Bulgarisch-österreichisches Kolloquium Europäische Ethnologie an der Wende : Perspektiven - Aufgaben - Kooperationen ; Referate der 1. Kittseer Herbstgespräche vom 10. bis 12. Oktober 1999 ; anläßlich der Jahresausstellung "Zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren - Historische Kalenderbräuche aus Bulgarien" vom 20. Juni bis 1. November 1999 in Schloß Kittsee
Entstehung
Seite
93
Einzelbild herunterladen
 

Kultur- und WissenschaftsschocksZu den kleinen und grossen Unterschieden

Anelia Kassabova- Dinčeva

Ich hatte zuerst den Titel und lange Zeit nur den Titel.Der Titel ist nicht( nur) provokativ gemeint, sondern auch( und vorallem) selbstkritisch. Als ich vor fast zwei Jahren dank MichaelMitterauer und dem Pastoralen Forum nach Wien kam, um diebulgarische ,, Gemeinschaft" in Wien zu untersuchen, ging ich von dergrundsätzlichen Verschiedenheit der kulturellen Systeme" aus-zwischen der( den) im Individualisierungsprozess weit vorangeschrit-tenen, westlichen Gesellschaft( en) und dem eher vom kollektivenBewusstsein beherrschten Balkan mit dem typischen patriarchalenModell. Das war aber ein Modell, das ich mir als, Wissenschaftlerin"aus der Literatur herausgearbeitet hatte und welches ich auf das Feld( und sogar auf meine persönlichen Beziehungen) übertrug und esdadurch empirisch" bestätigte.

Dieses Modell bezog ich eigentlich nicht auf mich. Die Differenzzwischen Forscher und Erforschten löste sich gleich, als ich in Wienin den ersten Monaten ziemlich oft mit Fragen konfrontiert wurde, obund wie ich den Kulturschock überwunden hätte. Am Anfang dachteich( selbstkritisch): Was für einen Eindruck muss ich denn hinterlas-sen, um danach gefragt zu werden?! Danach kam ich( kritisch) zueinem anderen Schluss( gleich ethnisch- national verallgemeinernd):,, Die spinnen, die Österreicher!" Heute, wo ich zumindest einigeÖsterreicherInnen besser kennen gelernt habe, meine ich es nichtmehr, zweifle aber weiterhin, ob ich einen Kulturschock erlebt habeund weiter erlebe( was jedenfalls nicht ausschließt, dass die Anderenim Umgang mit mir so einen erlebt haben). Eindeutig aber habe ichin Wien einen Wissenschaftsschock erlebt. Und den erlebe ich unun-terbrochen auch heute. Es dauerte schon Monate, bis ich mich indieser unübersehbaren Vielfalt der Theorien und Zugangsweiseneinigermaßen orientierte. Über die Möglichkeiten der Schocktherapiewar ich nach der langjährigen und qualvollen ökonomischen Schock-therapie( mit zweifelhaftem Erfolg) in Bulgarien eher skeptisch. Dochder Wissenschaftsschock war und ist für mich die einzige und diebeste Therapie. Ich schätze die Möglichkeit, so einen Schock zuerleben( wissenschaftlichen, nicht ökonomischen!) schon als Privile-gium und bin allen, die zu diesem Schock beigetragen haben, zutiefstdankbar. Mein großer Wunsch ist, dass Schocks solcher Art nicht

93