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Bulgarisch-österreichisches Kolloquium Europäische Ethnologie an der Wende : Perspektiven - Aufgaben - Kooperationen ; Referate der 1. Kittseer Herbstgespräche vom 10. bis 12. Oktober 1999 ; anläßlich der Jahresausstellung "Zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren - Historische Kalenderbräuche aus Bulgarien" vom 20. Juni bis 1. November 1999 in Schloß Kittsee
Entstehung
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Über die versäumten und künftigenMöglichkeiten der bulgarischen Ethnologie

Račko Popov

Als das Ethnographische Institut vor zwei Jahren den fünfzigstenJahrestag seiner Gründung feierte, versuchte ich in meiner Be-grüßungsrede, Bilanz zu ziehen und den Weg aufzuzeigen, denunsere Wissenschaft hinter sich hat. Ich gestehe gleich, es erwiessich längst nicht als einfach. Das Ethnographische Institut wurde imJahre 1945 als Institut für Volkskunde gegründet und nur zwei Jahrespäter mit dem bereits 50 Jahre lang existierenden ethnographischenVolksmuseum vereinigt. Das Museum war bis zu diesem Zeitpunktdas wissenschaftliche Zentrum Bulgariens auf dem Gebiet des Sam-melns, Dokumentierens und Erhaltens ethnographischer Denkmäler.Diese Forschungsperiode ist mit einer Reihe von Wissenschaftler/ in-nen und Intellektuellen wie dem Komödiendichter St. L. Kostov, derKunstwissenschaftlerin Ewdokia Petewa sowie D. Marinov, Chr.Wakarelski, Maria Weleva u.a. verbunden. Jedoch ist die Gründungder neuen Institution, die 1954 im ehemaligen Schloss des Zarenuntergebracht wurde und Teile ihrer Sammlungen dort ausstellte, mitder Entwicklung der neuen Gesellschaftsordnung verbunden- demSozialismus, der bis 1990 dauerte. Welche waren nun meiner Ein-schätzung nach die Erfolge und Misserfolge der bulgarischen Ethno-logie in dieser Zeit? Diese Überlegungen werde ich als Historikervornehmen, da die Ethnologie nach den 50er Jahren an den bulga-rischen Universitäten vorwiegend an den Instituten für Geschichtegelehrt wurde. Erst in den letzten fünf Jahren wird sie als selbststän-dige wissenschaftliche Disziplin unterrichtet.

Ein unbestrittener Erfolg der bulgarischen Ethnolog/ innen ist, dasssie während all dieser 50 Jahre nach der Gründung des Ethnogra-phischen Instituts mit Museum die Erscheinungen der traditionellenVolkskultur der Bulgar/ innen systematisch und planmäßig erforsch-ten. Diese Tatsache ruft bei vielen ausländischen Kollegen echtesErstaunen, Befremden oder sogar eine negative Beurteilung hervor.Eine der bedeutendsten Besonderheiten der traditionellen bulgari-schen Volkskultur liegt jedoch darin, dass sie als vorherrschendesModell von Weltansichten und Verhaltensweisen sehr intensiv erhal-

1 Kovacheva, V.: Centenary of the National Museum of Ethnography. TraditionalBulgarian costumes and folk arts. Sofia 1994, S. 5-9.

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