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Bulgarisch-österreichisches Kolloquium Europäische Ethnologie an der Wende : Perspektiven - Aufgaben - Kooperationen ; Referate der 1. Kittseer Herbstgespräche vom 10. bis 12. Oktober 1999 ; anläßlich der Jahresausstellung "Zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren - Historische Kalenderbräuche aus Bulgarien" vom 20. Juni bis 1. November 1999 in Schloß Kittsee
Entstehung
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Die bulgarische Ethnologie und dieHerausforderungen des 21. Jahrhunderts

Radost Ivanova

Die Beschäftigung mit der bulgarischen Volkskultur hat sowohl einemehr als hundertjährige Geschichte als auch wohlbegründete Tradi-tionen. Unter dem Terminus Ethnographie wurde sie am Ende des19. Jahrhunderts als Wissenschaft bekannt, welche die nationaleGeschichte, die menschliche Kultur und die menschlichen Gemein-schaften untersucht. Die Werke der Volkskunst wurden im Bulgari-schen als narodni oumotvorenia bezeichnet oder mit dem internatio-nalen Terminus Folklore abgedeckt. Daher kommt die spätere Ein-teilung dieses Wissensgebietes in Ethnographie und Folklore, welchesich bis heute fortsetzt. Die programmatische Studie des hervorra-genden bulgarischen Gelehrten Professor Ivan Šišmanov Znache-nieto i zadachata na nashata etnografiya"( Die Bedeutung und dasZiel der bulgarischen Ethnographie") spielte eine große Rolle bei derEtablierung und Institutionalisierung der Ethnographie als Wissen-schaft sowie bei der Skizzierung ihrer Entwicklung. Die Studie kam1889 als eine Einführung zu der Serie Sbornik za narodni oumot-voreniya, naouka i knizhnina"( Sammlung von Folklore, Wissen-schaft und Literatur")( Šišmanov 1889: 1–64) heraus. Diese Seriebildete die Grundlage für die systematische Sammlungen, Veröffent-lichungen und Studien der Volkskultur, die bis heute fortgeführtwerden.

Ich bin ganz bewusst bis zu den Anfängen zurückgegangen, um zweibedeutende Punkte herauszustreichen: Der Erste ist der Zustand derbulgarischen Volkskultur während des 19. Jahrhunderts. Gegen denHintergrund der europäischen Kulturen, welche eigene Eliten undelitäre Kulturen hatten, war die bulgarische Volkskultur im Wesentli-chen die Kultur des patriarchalen Dorfes. Anders als die europäi-schen Entwicklungsprozesse, welche von innen gewachsen undinnerhalb ihres eigenen Systems hervorgebracht worden waren,wurde die Modernisierung der bulgarischen Gesellschaft wie dieanalogen Prozesse der anderen Balkanvölker- größtenteils vonaußen", von Europa angeregt( Roth 1997: 27). In diesem Sinn lieẞdie, verzögerte" Entwicklung die bulgarische Volkskultur in der Ge-sellschaft dominieren, weshalb diese eine viel größere Bedeutung fürdie Bulgaren hatte, als die jeweilige Volkskultur für die europäischenLänder( Roth 1992: 43).

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