Aus dem ethnographischen Musterkoffer
Volkskunde und Volkskultur in der Mediengesellschaft
Konrad Köstlin
Ethnographisches im Depot
Meine zentrale These lautet, dass in der Mediengesellschaft derethnographische Musterkoffer- ein Gepäckstück des 19. und frühen20. Jahrhunderts- eine neue Bedeutung erhält. Das hängt, so meineBehauptung weiter, nicht nur mit der medialen Art der Verbreitungethnographischer Muster, sondern vor allem mit deren eingeübterPlausibilität zusammen. Medien arbeiten, je populärer und je populi-stischer sie argumentieren, mit dem Verfahren des Reduktionismusund bedienen sich dabei oft- offen oder versteckt- der tradiertenPlausibilität des„ Ethnischen". Solche Reduktion der Komplexität aufdas Plausible, das heißt die Konstruktion einer einfachen,„ eigenen"Geschichte, bedient der ethnographische Musterkoffer. In ihm findensich die Ikonen des Eigenen- etwa in Form kondensierter Ethnizität,die die größte Chance auf breite Akzeptanz hat.
Diese plausible, mediengerechte Geschichte bedient die Sehnsuchtnach Universalien, nach weltweit gültigen anthropologischen Kon-stanten. Solche Angebote aus dem exotisch Glossar ::: zum Glossareintrag exotisch oder binnenexotischgefüllten ethnographischen Musterkoffer, Mischungen aus Natur undKultur, oft an naturhafte Erdungen und Wurzelbilder der Regionalitätgeknüpft, lassen sich im Alltag ausmachen. Da gibt es die neue Liebezur Vorstadt, zu den Grätzeln als Orte des Humanen¹ wobei dieintellektuellen Liebhaber geflissentlich die gleichzeitig einhergehen-de Verwilderung der„, Trainingsanzugmenschen" übersehen oder sieals ,, widerständig" interpretieren.
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Wo Orientierungen fehlen, bieten sich Bilder aus der„ Volkskultur" an.Bereits 1980 erschien in Berlin- Kreuzberg ein Buch mit dem Titel,, Dörfer wachsen in der Stadt".2 Die Überschaubarkeit des Dörflichenist in den kulturanthropologischen Varianten unseres Faches³ mehr1 Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Vorstadt- die entern Gründ' der Moderne. In:Ferdinand Oppl, Karl Fischer( Hg.): Studien zur Wiener Geschichte(= Jahrbuch desVereins für Geschichte der Stadt Wien 52,53). Wien 1996/1997, S. 195–228.
2 Klaas Jarchow( Hg.): Dörfer wachsen in die Stadt. Beiträge zur städtischen Gegen-kultur. Alpen 1980.
3 Erika Haindl: Soziokulturelle Zentren in der BDR/ Stadtteilarbeit und Dorferneue-rung. Welche Rolle spielen alte und neue Formen der Volkskultur? In: MünchnerStreitgespräche zur Volkskultur München 1990, S. 38-41.
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