sondern auch historisch sind die Gesellschaften als„ Gesellschaftenin Fluss" zu betrachten, als sich dynamisch verändernde und zusam-mengesetzte.
Die separate Untersuchung eigentlich gemeinsamer Probleme- WO-bei man nicht selten die bedeutsamen Unterschiede zwischen densüdosteuropäischen Staaten, die in ihrer unterschiedlichen National-staatsentwicklung begründet sind, übersieht- führt m.E. zu beider-seitigen Verlusten; auf der Seite der Untersuchten zur unkritischenAnnahme und Übertragung„, westlicher" Modelle, die noch dazu nichtselten höchst widersprüchlich sind, oder umgekehrt zur Abwehr der( westlichen) ,, Missionierung". Seitens der„ Untersucher" läuft man,wenn man das wissenschaftliche( und politische) Interesse nur aufden ,, Anderen" konzentriert, Gefahr, die Sensibilität für die eigenenProbleme zu verlieren oder die eigenen Probleme auf den Anderenzu exponieren. Da bei einer einseitigen Sicht die Gründe schwererfassbar sind, besteht die Möglichkeit zu monokausalen Erklärun-gen, was eine Problemlösung zusätzlich erschwert.
Bei der Untersuchung der„ ,, Anderen" fällt man leicht in neuen Objek-tivismus: Man geht oft von der Vorstellung einer Objektivität derGeschichte, der„, Wirklichkeit“ aus. Bei einer solchen Ausgangsbasisübernimmt man die Definitionskraft über die„ geschichtliche Wahr-heit“ und bestimmt, welche Vergangenheit„ real", welche„ kognitiv"und welche ,, imaginär“ existiert hat. 21 Es stellt sich die Frage nachden Bewertungskriterien, nach denen„ wahr“,„, wirklich“,„ tatsächlich"von„ begriffen",„, wahrgenommen" und„, ideologisch" getrennt wird. 22Man greift zu leicht zu„ günstigen" Vergleichen„ Ost- versus Westeu-ropa", aus denen man schließt, dass eine„, imaginäre" Vergangenheitvorwiegend in Osteuropa existiert. Ein Beispiel: Als Grundursachedes verschärften Nationalismus auf dem Balkan wird oft die andereArt Beziehung zur Geschichte in Südosteuropa als in Mittel- undWesteuropa" 23 angegeben. Das Problem der„ gefrorenen Zeit" wirdals ,, Bewahrung stereotyper Feindbilder, latenter Ablehnung und alswichtiges Medium der Konservierung der Kultur des ewigen Erin-nerns" bewertet. 24 Dafür nennt man als Beispiel in einem Artikel vomJahre 1995 das öffentliche Marktsingen in den 1980er Jahren in
21 Diese Unterscheidung- nach Niedermüller, Peter: Politik, Kultur und Vergangen-heit. Nationale Symbole und politischer Wandel in Osteuropa. In: Rolf Brednich undHeinz Schmitt( Hg.): Zur Bedeutung der Zeichen. Münster 1997, S. 117.22 Darüber: Niedermüller, Peter: Politischer Wandel und Neotationalismus in Osteuro-pa. In: Wolfgang Kaschuba( Hg.): Kulturen- Identitäten- Diskurse. Berlin 1995,S. 141, in Anlehnung an Edward Shils: Tradition. Chicago 1981, S. 195-196.23 Roth, Klaus: Geschichtsunterricht auf der Straße. Zum Jahrmarktgesang in Bulga-rien. In: Carola Lipp( Hg.): Medien populärer Kultur. Erzählung, Bild und Objekt inder volkskundlichen Forschung. Frankfurt am Main/ New York 1995, S. 277.24 Roth, Klaus: Geschichtsunterricht: S. 278.
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