Helmut Neundlinger
DER ZUFALL SCHICKT MICH AUF DIE REISE
Der Zufall schickt mich auf die Reise. Ich reise selten,umso willkommener sind mir deshalb Aufträge, die michwenigstens geistig in Bewegung setzen. Ein Zeitbild undein Raumbild schickt man mir: Fixierungen von Epochen,zu denen ich mir über diese Zeugnisse gleichsam durchdie Hintertür Zutritt verschaffe.
Die Postkarte aus Oslo hält einen Augenblick aus demJahr 1962 fest. Alles an dem Straßenzug vor dem Hotelwirkt wohlgeordnet: der Verkehr, die Geschäfts- undHäuserfronten, die Männer in Anzügen und die Frauenin langen Kleidern. Alles scheint einem unsichtbaren,regelmäßigen Fluss zu folgen. Mein Blick fällt auf einegekritzelte Figur am obersten Balkon des Hotels. Werhat sich hier verewigt und was verbirgt sich hinter die-ser Markierung? Die Balkontür ist die einzige, die offensteht. Vom dahinterliegenden Zimmer lässt sich jedochnichts erkennen. Die Dunkelheit macht mich neugierigund argwöhnisch. Hotels als Orte der Anonymität undder Geschichtslosigkeit eignen sich hervorragend als Pro-jektionsfläche für abenteuerliche Fantasien. Mich streiftdie Erinnerung an ein Hotelzimmer in Lemberg, an des-sen Wand längst vertrocknete Blutspuren zu erkennenwaren. Meine Gedanken versickern allmählich im schwar-zen Loch der offenen Fenstertür.
Das Taschentuch mit der Eisenbahnkarte der österrei-chischen Kronländer reicht bei weitem nicht nach Oslo.
15