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1 (2012) Mikrofotografisches Bibelstechen : eine Ausstellung als Einblick und Kommentar ; [Ausstellung vom 13. 11. 2012 bis 17. 2. 2013 im Österreichischen Museum für Volkskunde] / Textband
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Tina Glaser

Als mich meine Mutter zu einer, man muss fast sagen,Straftat anstiftete, war ich ein wenig überrascht. Aufeinem Spaziergang in der Umgebung meiner Geburts-stadt waren wir am oberen Ende der Altstadt bei einemHaus stehengeblieben. Das Haus, teilweise in die alteStadtmauer gebaut, hatte sich durch Lage und Bauweisezu eigen gemacht, zwei Eingänge zu besitzen, die so denWald auf der einen und die Stadt auf der anderen Seitemiteinander verbanden. Meine Mutter, müde von unse-rem Spaziergang, schlug vor, wir sollten, da die Türenimmer unversperrt waren, durch das Haus laufen, um soden längeren Rückweg in die Stadt abzukürzen. MeinenEinwurf, dass wir uns unbefugten Zutritt verschafften, tatsie damit ab, dass wir das schon unzählige Male in meinerKindheit getan hatten. Und tatsächlich, als wir den lan-gen Korridor betraten, wie eine Brücke zwischen da unddort, dämmerte mir eine inzwischen fast vergessene Kind-heitserinnerung. Ich erkannte, während wir hastig denKorridor passierten, den alten, eintürigen Giebelschrank,der gleich rechts neben dem Eingang stand. Immer schonhatte ich mich gefragt, wer die tiefen Rillen in das weicheHolz geritzt hatte. Ich hatte keine Ahnung, welchem Ver-wendungszweck der Schrank zu seiner Zeit untergeord-net war. Auch deutete nichts darauf hin, dass man ihn nunbenutzte. Der Weg von einem zum anderen Ende schienmir merkwürdig lang. Dort angekommen, öffnete sich voruns ein schöner Vorgarten, dessen Anordnung eigentlich

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