Print 
1 (2012) Mikrofotografisches Bibelstechen : eine Ausstellung als Einblick und Kommentar ; [Ausstellung vom 13. 11. 2012 bis 17. 2. 2013 im Österreichischen Museum für Volkskunde] / Textband
Place and Date of Creation
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

MIKROFOTOGRAFISCHES

BIBELSTECHEN

Eine Ausstellung als Einblickund Kommentar

Ein Projekt von

Herbert Justnik und Matthias Klos

und dem

Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien

MAN MUSS DA ANFANGEN,WO ES BEGONNEN HAT

Eine U- Bahnfahrt, ein Gedankenpingpong. Begonnen hat esin den Lücken des Alltags. In einem jener Momente, die imNachhinein das Gewöhnliche unheimlich erscheinen lassen.Und aus Gewöhnlichem und Alltag bestehen die Exponate ei-nes Volkskundemuseums. Exponate, die aus ihrem Gebrauchgelöst sind. Der Gebrauch hat mehrere Seiten. Objekte undderen Nutzung stellen Anforderungen in zumindest zweiRichtungen, einmal von den Nutzer_innen an das Objekt undeinmal von Seiten des Objekts an seine Nutzung. Die im Mu-seum aufbewahrten Objekte sind für uns als Relikte der leben-digen Performanz der Ding- Mensch- Beziehung von Interesse.Wie kommen wir an die Geschichten dieses Verhältnisses?

-

In der Ausstellung, die dieses Buch begleitet, sind wirvon der Frage ausgegangen, wie wir unsere vorgefundene Le-bensumwelt im Fall der Ausstellung: historische Alltagsge-genstände aus einem ungewohnten Blickwinkel betrachtenkönnen. Von da aus entspann sich das Ringen um die Frage,wie die erstarrten Dynamiken des Alltäglichen, die in deneinzelnen Objekten stecken, wieder zugänglich werden. Wirhaben versucht, ein Setting in dieser Ausstellung zu kreieren,in dem wir alternative Lektüren dieser Objekte zur Verfügungstellen, bei dem wir aber auch hoffen, dass es so offen ist, dassfür die Besucher_innen genug Platz für eigene Imaginationenbesteht.

Wir wollten zufällige Exponate der Fotosammlung undder Schausammlung dazu verleiten, das zu erzählen, was sienicht direkt preisgeben. Das, was man selbst nicht findenkann, weil es der eigene Blick zumeist verdeckt. Deshalb ha-ben wir die Exponate in unwillkürliche Konfrontationen ver-wickelt. Was sich daraus ergab, haben vierzehn Autor_innendokumentiert, die sich Zeit für das Lauschen der stillen Bered-samkeit der Dinge nahmen. Sie haben ungeahnte und über In-terpretation der Objekte nicht zu erschließende Geschichtengefunden. Sie haben die Exponate in Erzählungen eingewo-ben, die den Objekten selbst wieder eine eigene Lebendigkeitabfordern.

Als wesentlichstes Element dieser Ausstellung sehenwir die Besucher_innen, die dieses Angebot annehmen, umzum Alltäglichen Eigenes zu denken. Dieses Buch sehenwir als eine Erweiterung unseres Angebotes. Sie finden dieFoto- Objekt- Kombinationen und die Texte der Autor_innenin einem jeweils eigenen Band. Wir haben dieses Buch alsein Objekt gestaltet, das mit dem Setting der Ausstellungspielt. Sie können den Assoziationsprozess der Autor_innennachvollziehen, während Sie bei der Lektüre der Texte IhrenBlick immer wieder zur jeweiligen Foto- Objekt- Kombinati-on schweifen lassen. Mit den Bausteinen können Sie auchjenseits des Weges springen und die Texte in selbstgewählterKombination zu den Objekten lesen.

Dieses Buch ist nicht nur zum linearen Lesen gedacht. Eskönnte ein Begleiter sein, um der Poesie alltäglicher Objekteund der fotografischen Verhandlung von Alltäglichkeit nach-

zuspüren. Was Sie darin finden, sind Beispiele, aber denkenSie dieses Buch weiter- bürsten Sie es gegen den Strich, tunSie Dinge damit, die Sie nicht von einem Buch erwarten.

Herbert Justnik/ Matthias Klos

MIKROFOTOGRAFISCHESBIBELSTECHEN

Die Praxis des Bibelstechens ist eine Exegese- und Weissa-gungstechnik, bei der die Bibel an einer zufällig gewähltenStelle aufgeschlagen wird; so wählt man blind eine Textstelleund legt diese einer Fragestellung entsprechend aus. DiesesPrinzip einer zufälligen Auswahl und anschließenden Interpre-tation des Ergebnisses haben wir auf die Inventarbücher desÖsterreichischen Museums für Volkskunde umgelegt. Es dientedazu, vierzehn Objekte aus der Schausammlung und vierzehnExponate aus der Fotosammlung des Museums auszuwählen.Zu den dadurch entstandenen Foto- Objekt- Kombinationen ha-ben Autor_innen assoziative Geschichten geschrieben.

Bibelstechen oder Däumeln" bezeichnet das ungezielteAufschlagen einer Bibelstelle mit Messerspitze oder Daumen,die man im Hinblick auf eine gestellte Frage interpretiert. Eshandelt sich demnach um eine vor allem in evangelikalenKreisen zum Jahreswechsel praktizierte- aleatorische Tech-nik, die zu einem unvorhersehbaren Ergebnis führt. Orakel-techniken dieser Art tauchen seit der Antike mit unterschied-lichen Bezeichnungen auf( Homeromantie, Bibliomantie, Sti-chomantie).

Die mit der Praxis des Bibelstechens ausgewählten Fo-tografien und Objekte haben wir jeweils chronologisch ge-ordnet und die so entstandenen Reihen zueinandergestellt. Sotraf sich ohne steuernden Eingriff nicht von vorneherein Zu-sammengehörendes- Fotografie und Objekt aus unterschied-lichen Sammlungen wurden damit kombiniert. Diese Paarehaben wir von eins bis vierzehn nummeriert, auf Kärtchengeschrieben und den alphabetisch geordneten Autor_innenzugelost.

Bei der Kombination von Fotografien und Alltagsgegen-ständen aus der Schausammlung haben wir auf die prinzipiel-le Bedeutungsoffenheit von Fotografien und auf die poetischeDimension von Objekten vertraut, um ein freies Spiel der As-soziationen zu ermöglichen.

Die Autor_innen bekamen als Information zu den Foto-grafien nur das, was auf den Archivkartons, auf denen sich dieFotografien befinden, eingetragen ist und die Daten aus demInventarbuch. Zu den Objekten aus der Schausammlung desMuseums bekamen sie nur die Informationen der Objektlabel.Mit diesen spärlichen Informationen sollte der Blick auf dieObjekte möglichst unbeeinflusst bleiben, um dem Assoziati-onsverlauf so wenig wie möglich entgegenzustellen. Durchden Einsatz des Zufalls haben wir die meisten Entscheidungenin diesem Projekt aus den Händen gegeben. Die bewusste, be-gründbare und subjektive Auswahl der Objekte und Fotogra-fien wurde durch die gewissermaßen objektive Methodik desZufalls ersetzt. Man könnte fast sagen: Der Zufall ist zum Ku-rator geworden. Die Interpretationshoheit über die gezeigtenExponate haben wir ebenfalls übertragen, und zwar auf diefrei assoziierenden Autor_innen, sodass es hier zu einer Viel-zahl neuer Möglichkeiten des Lesens der Materialien kommt.Nicht die einzelne, wissenschaftlich gestützte Sichtweise ei-ner Kurator_in und des musealen Apparates steht im Vorder-grund, die Kontrolle über die Exegese wird von der Institutionabgegeben. Jeder der Texte bietet nicht nur einen Zugang zueinem anderen Foto- Objekt- Paar. Je nach Autor_in kommenjeweils unterschiedliche Arten des Assoziierens und damit derLektüre des imaginären Potenzials dieser Kombinationen hin-zu. Die Texte bieten die Chance, Objekte jenseits einer histo-rischen Einordnung zu lesen und sich auf die Vielgestaltigkeitder Dinge einzulassen. Sie hinterfragen die Objektivität derInterpretationen in Ausstellungen.

Für die Ausstellung haben die Objekte die Schausamm-lung verlassen, sind dort durch temporäre Stellvertreter er-setzt worden und werden in einem Sonderausstellungsraum

in Kombination mit den Fotografien präsentiert. Die jewei-ligen Geschichten zu den einzelnen Objekt- Foto- Kombinati-onen gibt es über Kopfhörer zu hören. Dabei kommt es, wiezuvor schon für die Autor_innen, zu einer Begegnung unter-schiedlicher Medien und Materialien aus einander entfernten,heterogenen Kontexten. Hier trifft ein Südtiroler Kasten des16. Jahrhunderts auf die Fotografie eines Vorgartens im Bur-genland der 1950er Jahre. In der Ausstellung tritt nun die zu-sätzliche Ebene des Hörens einer Geschichte hinzu, die vonden Foto- Objekt- Paaren ausgeht. Während der Blick überFoto und Objekt schweift, hört das Ohr den Text. Dieser hatnicht dieselbe definierende Autorität wie ein kuratorischerText, der ein Objekt wissenschaftlich erklärt. Bei dieser Artder Präsentation haben wir die Hoffnung, dass nicht nur derAssoziationsgang der Autor_innen nachvollzogen werdenkann, sondern dass die mangelnde Strenge der Situation esermöglicht, in das Spiel der Assoziationen mit einzusteigenund sich ihm hinzugeben.

Diese Ausstellung entstand auch aus der Überlegung he-raus, einen Einblick in die große Fotosammlung des Volkskún-demuseums( sie beinhaltet über 200.000 fotografische Objekte)zu bieten. Mit diesem spezifischen Format zeigt eine kultur-wissenschaftliche Sammlung ihr poetisches Potenzial. Aufdass sich die Geschichten, die jeder von uns immer mit sichherumträgt, entzünden und es zu einer Verlebendigung desHistorischen aus unserer Gegenwart heraus und in sie hineinkommt!

Herbert Justnik/ Matthias Klos

IMPRESSUM

mikrofotografisches bibelstechenHerausgegeben von Herbert Justnik und Matthias Klos,als Katalog Band 98 des Österreichischen Museums fürVolkskunde, zur gleichnamigen Ausstellung vom 13.11.2012bis 17.02.2013 im Österreichischen Museum für Volkskunde.

www.volkskundemuseum.at

Ausstellung:

Idee: Herbert Justnik

Konzept und Realisierung: Herbert Justnik, Matthias KlosDisplay und Grafik: Matthias KlosKatalog:

Konzept: Herbert Justnik, Matthias Klos, Matthias Noë, DanielTerkl| Lektorat: Daniel Terkl| Umschlag: Matthias Klos

Satz Textband und Bildband: Matthias NoëVerlag: hochroth, Wien| ISBN: 978-3-902871-16-9

Dank an die Autor_innen, an das Team desVolkskundemuseums und an alle, die uns unterstützt haben.

Textband

INHALT

Bildband

1

3

5

Ann Cotten( Schriftstellerin)Paul Divjak( Polyartist)Tina Glaser( Autorin)

2

4

6

7

Gregor Guth( Schriftsteller)

8

9

Mathias Illigen( Autor)

10

11

Mara Mattuschka( Künstlerin)

12

13

Hanno Millesi( Schriftsteller)

14

15

Helmut Neundlinger( Autor)

16

17

19

2123

Martin Prinz( Schriftsteller)Kathrin Röggla( Schriftstellerin)Nina Schedlmayer( Journalistin)Claudia Slanar( Kritikerin)

18

20

22

24

25

28

Andrea van der Straeten( Künstlerin)Monika Wulz( Philosophin)

26

28

2222