Kuschelecken der Diktatur
Die DDR- Bürger heirateten früh und ließen sich bald wieder scheiden
Da gab es kein Zaudern und kein Zögern: Den soge-nannten Bund fürs Leben schlossen die DDR- Bürgerviel früher als im Westen. Das durchschnittliche Erst-heiratsalter lag bei den Frauen Anfang der siebzigerJahre bei 21 Jahren, in den achtziger Jahren bei 24Jahren; bei den Männern war es jeweils um zwei,drei Jahre nach oben verschoben.
Die Ostdeutschen gaben sich das menschlicheTreueversprechen mithin in einem Alter, in dem siegerade dabei sind, sich zu finden, zu orientieren undzu etablieren. Möglich, daß sich ihre Berufswahl alsFehlschlag erweist. Oder daß sie gerne in eine ande-re Stadt ziehen wollen. Jede feste Bindung steht ineiner solchen Lebensphase nicht gerade unter einemguten Stern, ist von vornherein in hohem Maßegefährdet.
Warum heirateten die Ostdeutschen, trotz des offen-sichtlichen Risikos, dennoch so früh? Was ließ sie soentschlossen aus dem Elternhaus ausziehen und eineeigene Familie gründen?
Das hatte zum Teil ganz pragmatische Gründe: JungeEhepaare wurden bei der Wohnungsvergabe bevor-zugt behandelt, vor allem, wenn sie Kinder hatten.Zudem gab es für sie in den siebziger Jahren einenstaatlichen Kredit in Höhe von 5 000,- Mark, ab 1986von 7 000 Mark für Wohnraum und Einrichtung- eineArt Startgeld. Für manche mag auch ein Grund gewe-sen sein, daß sie sich mit dem Verweis auf neuefamiliäre Verpflichtungen bequem aus dem geforder-
ten politisch- gesellschaftlichen Leben zurückziehenkonnten.
,, Man heiratete oder zog zusammen, weil man sichliebte, und ging auseinander, weil man sich nichtmehr liebte." So sieht es der Soziologe WolfgangEngler in seiner Aufsatzsammlung„ Die Ostdeut-schen".( Engler, 1999; 257). Die DDR als Ort, wonoch die reine Liebe zählte. Beziehungsfremde Rück-sichten brauchten nicht genommen werden, schondeshalb nicht, weil es sie, wie unten noch ausgeführtwird, zum großen Teil gar nicht gab. Die Liebe als ein-zige Basis für die Ehe bedeutete natürlich auch, daßsie nicht auf besonders festem Grund stand. Und inder Tat: So schnell und unbekümmert die Ostdeut-schen heirateten, so schnell und häufig traten sieauch wieder vor den Scheidungsrichter. In den acht-ziger Jahren ging etwa jede dritte Ehe in die Brüche,im weltweiten Vergleich nimmt die DDR damit einenSpitzenplatz ein.„, 1989 betrug die durchschnittlicheEhedauer zum Zeitpunkt der Scheidung etwa 9 Jahre,von den aufgelösten Ehen waren 38 Prozent durchScheidung beendet", so der KulturwissenschaftlerDietrich Mühlberg in seinem Aufsatz ,, Sexualität undostdeutscher Alltag".
Die Ostdeutschen waren mehrheitlich kirchlich nichtgebunden, die Scheidung schuf also keine weiterenGewissenskonflikte. In der Regel bedeutete sie fürFrauen auch keinen materiellen Absturz, da fast alleselbst erwerbstätig waren. Für die kleinen Kinder war
Schlafzimmer
95