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Leben in der Platte : Alltagskultur der DDR der 70er und 80er Jahre ; [Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, 17. September bis 14. November 1999]
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Reich der Durchreiche

Küchenarbeit hatte in der DDR keinen hohen Stellenwert- sie mußte vor allem schnell gehen

Sie war nur etwa fünf Quadratmeter groß, die Küchein der Plattenbauwohnung vom Typ P2. Das heißt: siewar so klein, daß praktisch nur eine Person in ihr Platzhatte und arbeiten konnte. Und das war in der Regeldie Hausfrau. Die tradierte Rollenteilung blieb in derDDR bestehen.

Zwar legte das 1966 verabschiedete Familiengesetzim Sinne der Gleichberechtigung fest, daß beide Ehe-partner ,, ihren Anteil bei der Erziehung und Pflege derKinder und der Führung des Haushalts" tragen sollen,doch das blieb graue Theorie. Nach einer Untersu-chung des Leipziger Instituts für Marktforschung( DieWirtschaft, 1974, Nr. 22) war Hausarbeit in der DDRzu 80 Prozent Frauensache.

Die begrenzte Küchenfläche verlangte durchdachteLösungen. Kein Eck durfte ungenutzt bleiben. Nurentsprechend klein dimensionierte Küchenmöbelkamen in Frage. Eine von den Großeltern geerbteKüchenkredenz mochte noch so schön sein, siepaẞte nicht in die Küche. Daß Ende der achtzigerJahre fast jeder DDR- Haushalt einen Kühlschrankhatte, der Geschirrspülautomat dagegen, anders alsim Westen, seltene Ausnahme blieb, ist nicht zuletztmit fehlendem Platz zu erklären. Denn wo hätte derGeschirrspülautomat untergebracht werden sollen?Als der P2- Bau in den sechziger Jahren aufkam,wurde in der ersten Zeit die passende Einbauküchegleich mitgeliefert. Im Sinne einer umfassenden,kompakten Lösung. Aus wirtschaftlichen Gründen

hielt man dieses Prinzip aber nicht konsequent durch.Vorrang hatte, das Plansoll der zu errichtenden Woh-nungseinheiten zu erfüllen.

Kein Fenster in der Küche bedeutete, daß kein natür-liches Licht einfiel. Die architektonische Planunghatte die Naẞzellen Küche und Bad ins Wohnungsin-nere verlegt. Ein gemeinsames Abzugsystem sorgtefür die nicht immer perfekt funktionierende- Ent-lüftung.

Die Küche war durch eine Glasvitrine in der Wand, diesogenannte Durchreiche, direkt mit dem Wohnzim-mer verbunden. So konnte die Mutter während desKochens ihre im anderen Zimmer spielenden Kinderbeobachten. Sie ersparte sich auch lange Wege,indem sie das Essen direkt ins Wohnzimmer durch-reichen konnte.

Die Küche im P2- Bau war unter dem leitendenGesichtspunkt der Zeiteinsparung und Effektivitätkonzipiert worden. Wer will, kann das auch positivsehen: Alle Funktionsbereiche in greifbarer Nähe!Keine Zeit- und Kraftvergeudung! Das, was die Wie-ner Architektin Margarete Schütte- Lihotzky in denzwanziger Jahren mit ihrer sogenannten FrankfurterKüche prototypisch entwickelt hatte, fand hier gewis-sermaßen seine Fortsetzung. Ein Funktionsraum, derdie Küchenarbeit erleichterte- zum Wohl und zurEmanzipation der Hausfrau.

,, 15 Milliarden Stunden", diese Zeit wird pro Jahr inden DDR- Haushalten für die Hausarbeit aufgebracht-

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