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Leben in der Platte : Alltagskultur der DDR der 70er und 80er Jahre ; [Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, 17. September bis 14. November 1999]
Entstehung
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Der Geschmack des Ostens

Meiner Tante habe ich das nie verziehen. In allen heißersehnten Päckchen, die stets zu den Geburtstagen, zuOstern und Weihnachten kamen, steckte neben etwas Schönem zum Anziehen" auch Naschwerk. Aberimmer das Falsche. Ich war ein Gegner- nein, nicht des DDR- Staates, aber der Schokolade Creck". Sieschmeckte undefinierbar, kostete eine Mark, und als Köder gab es Bildchen zum Ausschneiden.

Mal waren es Tiere, dann Pflanzen oder Sportler, die man ausschnippeln und in ein extra gekauftes Heftchenkleben konnte. Auch wenn ich die Schokolade haßte, ein Sammelheftchen nannte ich doch mein eigen. Soein Ding hatte schließlich jeder. Meine Geschmacksnerven waren allerdings auf andere Sorten ausgerichtet.Da gab es die ,, Schlagersüßtafel", eine Schokolade mit Erdnüssen.

Gerüchte, daß das Zeug Stierblut enthielt, ließen mich kalt. Sie war lecker und auch noch zwanzig Pfennig bil-liger.(...)

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Die Deutsche Kulinarische Republik" hatte zwar ihre Versorgungsprobleme, aber auch manchen Leckerbis-sen. So denke ich mit Wehmut an die Zeiten, in denen sozialistische Salmiakpastillen auf der Zunge zergin-gen. Von ihnen wurden nur wenige Sorten produziert, die aber nie in der gesamten Republik zu haben waren.Schon gar nicht in der Provinz. So wurde man zum Jäger und Sammler. Mit dem Bus in die nächste Klein-stadt, mußte man schon viel Glück haben, etwas Besonderes zu ergattern: zum Beispiel Dosenmandarinenaus China für stolze zwölf Mark im Delikatladen.(...)

Ohne Beziehungen war der gemeine DDR- Bürger kulinarisch aufgeschmissen. Da hatte unsere Familie mehr-faches Glück. Denn über uns wohnte die Kassiererin aus der Verkaufsstelle, zudem waren wir mit der Chefindes Ladens befreundet. Das half meiner Salmiakpastillensucht. Gab es eine Lieferung, meist ein kleiner Kar-ton mit fünfzig Tütchen, bekam ich stets die Hälfte, unterm Ladentisch, versteht sich, und spottbillig.Hatte ich einen guten Tag, schickte ich ein superkleines Päckchen an meine Schwägerin nach Schwerin, dieebenfalls unter Pastillensucht litt, über keinerlei Beziehungen verfügte und für meine milden Gaben bis heutedankbar ist. Wir sind uns einig: Die heutigen Westpastillen schmecken scheußlich. Es war also nicht allesschlecht in der DDR. Es war aber auch nicht alles gut. Das Bier in der Dorfkneipe war ja noch ganz okay,andere Alkoholika schmeckten mit jedem Glas mehr sowieso immer besser. Aber was uns die Kombinate annichtalkoholischen Getränken zumuteten, war beinahe Körperverletzung. Über die bonbonsüßen Limonadensoll hier gnädig der Mantel des Schweigens ausgebreitet werden. Selters oder Tonic waren Mangelware. Colagab es gleich in mehreren Sorten. Club- Cola" schmeckte fad ,,, Quick- Cola" nach eingeschlafenen Füßen,und bei der, Stern- Cola", die 1978 energiereduziert auf den Markt kam, fragten wir uns immer, was da untenauf dem Flaschenboden so alles herumschwimmt.(...)

Die billigste( 50 Pfennig für die Halbliterflasche) war auch die beste DDR- Cola. Die ,, Vita- Cola" war nicht sosüß und mundete frischer, gekühlt schmeckte sie wie richtige Coca Cola, die man schon mal im Ungarnurlaubgekostet hat. Die Vita" enthielt einen Schuß Zitrone und prickelte etwas. Nach vierjähriger Pause gibt esVita- Cola" jetzt wieder zu kaufen. Der Umsatz klettert und hat inzwischen sogar Pepsi" abgehängt.(...)

Andreas Hergeth, Die Tageszeitung, 25./26. Juli 1998