Dia- Abenden. Der Fahrradkeller wurde zu diesemZweck kurzerhand in einen Gemeinschaftsraumumgewandelt. Stühle mußte jeder selber mitbringen.Die Gemeinschaftskasse füllte man unter anderemmit Geld, das es für die bei der Sero Wiederverwer-tungsgesellschaft abgegebenen Papier- und Glas-sammlungen gab.
Für das Rasengrundstück rund ums Haus war dieganze Hausgemeinschaft zuständig, die Wohnungs-baugesellschaft honorierte diesen Einsatz mit etwa60 Mark im Jahr. Mieterinitiativen malten die stereo-typen Hauseingänge an und gaben ihnen so einunverwechselbares Gepräge, damit die Kinder vomSpielplatz ohne Schwierigkeiten wieder nach Hausefanden. Diejenige Hausgemeinschaft, die ihren Flurund Gehweg besonders reinlich hielt, konnte imWettbewerb die ,, Goldene Hausnummer" gewinnen,wofür es auch Geld gab.
Funktionalität Schönheit Behaglichkeit: so lautetedas offizielle Credo bzw. die ideologische Rechtferti-gung für die ästhetische Monotonie. ,, Das Verhältnisder Menschen zum industriellen Serienprodukt istdas des Gebrauchs, nicht das der Selbstdarstellungund exklusiver Genüsse", schrieb oder besser: ver-kündete Fred Staufenbiel in der Fachzeitschrift ,, formund zweck" 3/75. Nur: Durchsetzen konnte sichdiese Sicht offensichtlich nicht. Der Historiker StefanWolle schreibt:„ Wer Glück hatte, besaß einen klei-nen Balkon und machte seine vier oder fünf Quadrat-meter zum bevorzugten Feld individuellen Schöpfer-drangs. Hier waren der Phantasie keine Grenzen.gesetzt. Die Mieter verzierten die Wände mit Walt-Disney- Figuren oder anderen Gemälden, befestigten
an der Decke Eisenketten, an denen sie Blumen-schalen aufhängen konnten... Besonderer Beliebtheiterfreuten sich Fachwerk- Imitationen, die dem Betonnicht nur die erstrebte unverkennbare persönlicheLiebe verliehen, sondern auch von der persönlichenLeistungsfähigkeit des Besitzers zeugten."( Wolle,1998; 187)
Zu einem ähnlichen Befund kommt Peter Merse-burger in Grenzgänger":„ Daß der individuelle Ge-schmack sich inmitten dieser monotonen Wohnland-schaft aus Beton, wenn auch auf kitschige Weise, zubehaupten sucht, lehrt ein Blick auf die Balkone, aufdenen man nicht selten alte Wagenräder, Kutscher-lampen und großblumige Tapeten entdeckt."( Merse-burger, 1988: 81)
Die Zeitschrift ,, Kultur im Heim" gab Tips, wie Ein-richtungs- Lösungen in dem genormten Wohnungs-bau gefunden werden konnten. Die Vorliebe für eine,wenn man so will: warme, ja plüschige Einrichtungschien horizontal durch alle Schichten und vertikaldurch alle Regionen im ganzen Land bestanden zuhaben. Die Bürger schufen sich ihre eigene Nische.Als gemeinsamer Reflex auf eine kalte Umwelt? Einin den Schriften des französischen Soziologen PierreBordieu( ,, Die feinen Unterschiede") geschulterBeobachter mag diese„ Sprache" der Einrichtung alsProtest gegen einseitig verkündete Funktionalität undRationalität deuten.
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