Druckschrift 
Leben in der Platte : Alltagskultur der DDR der 70er und 80er Jahre ; [Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, 17. September bis 14. November 1999]
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

48

42

oder Stadtbezirke, landläufig Wohnungsämtergenannt. Ihre Tätigkeit unterstützten ehrenamtlichtätige Wohnungskommissionen, bei denen manzunächst seinen Anspruch anmelden mußte. Sieüberprüften die Berechtigung, setzten gegebenen-falls einen Hausbesuch an und füllten schließlicheinen Wohnungsantrag an den Rat des Kreises oderdes Stadtbezirks aus. Dieser Vorgang hatte zunächstrein theoretische Bedeutung. Ohne ständige Nachfra-

gen, Drängen, Drohungen oder Einsatz von Bezie-hungen bestand kaum eine Chance auf Zuweisungeiner Wohnung", erinnert sich Stefan Wolle.( Wolle,1998; 186).

Junge Paare mit Kind wurden bei der Vergabe bevor-zugt dies war im übrigen mit ein wesentlicherGrund, wieso die Bürger in der DDR sehr früh heira-teten( und sich auch wieder trennten, die DDR wieseine der höchsten Scheidungsraten der Welt auf).Wer eine nicht vom Staat, sondern von der Genos-senschaft errichtete Neubauwohnung erwerbenwollte, mußte einen bestimmten Kapitalbetrag( Genossenschaftsanteile) einbringen und außerdemArbeitsstunden auf dem Bau ableisten, jeder nachseinen Fähigkeiten: Der Akademiker wurde vielleichtnur für leichte Aushebarbeiten eingeteilt. In der DDRherrschte, man mag es heute kaum noch glauben,notorischer Arbeitskräftemangel.

Der Schlosser wohnte neben dem Professor, derSchriftsteller neben der Verkäuferin. In den Platten-bauten herrschte eine sehr geringe soziale Segregati-on. Die feinsäuberliche Trennung nach Geldbeutel,sozialem Stand und Renommee gehörte der Vergan-genheit an.

Wer sich heute mit Plattenbau- Bewohnern überfrühere Zeiten unterhält, hört sie geradezu schwär-men von intakten Hausgemeinschaften. Da ist dieRede von regelmäßig durchgeführten Festen und

Erich Honecker beglückwünscht die Familie Fischerzum Einzug in die neue Wohnung, Berlin, Oktober 1988.