Mächte noch übertroffen" 35, so hatte der Pastor Joachim Gauck gemeint, als er seine Behörde als Bun-desbeauftragter für die Stasiunterlagen übernahm. Die Staatssicherheit war neben der Armee der größ-te Arbeitgeber des Staates; über jeden vierten DDR- Bürger, so weiß man heute, existierte ein Dossier.36Immer mehr entwickelte sich die DDR- Gesellschaft zu einem System, das auf einer immer breiteren, fürall die unzähligen Genehmigungen zuständigen Bürokratie, auf Bevormundung und auf Bespitzelung grün-dete. Allein die Überwachung und Genehmigung des Reiseverkehrs bedurfte eines gewaltigen Aufwan-des. Der Kreis der„ inoffiziellen Mitarbeiter", so stellte sich nach Öffnung der Akten bald heraus, reichteweit in die Reihen der Hoffnungsträger der Wendezeit, und selbst der Ministerpräsident Lothar de Mai-zière hatte seinen Decknamen.
Die Zensur und die Erteilung von Druckgenehmigungen, die Kontrolle des Musikmarktes und der öffent-lichen Aufführung von Musik waren nur mit einem riesigen Personalaufwand aufrechtzuerhalten. DerLeipziger Schlagzeuger und Bandleader Fips Fleischer hat in seiner Biographie über das skurrile Verfah-ren berichtet, das einsetzte, als er seine Komposition„ Am Place Pigalle in Paris" 1960 dem„ ZentralenLektorat für Tanzmusik" beim„ Staatlichen Rundfunkkomitee" vorgelegt hatte. Der Text, so wurde argu-mentiert, gehe an der Realität vorbei:„ Außerdem sind wir der Auffassung, daß in Zukunft jene PariserAtmosphäre nicht mehr zum Repertoire unserer Schlager zählen sollte." 37 Tatsächlich an die Realitätgebunden war der Schlager„ Ja, ja der Mais, ja, ja der Mais, ja, ja der Mais, das ist die Wurst amStecken..." ein Boogie Woogie in den Zeiten der Chrustschowschen Maisoffensive in den späten 50erJahren, der den Mais als Straßenimbiẞ anpries. Der Schauspieler und Sänger Manfred Krug hat in seinemBericht über seine Umsiedelung, den er mit„ Abgehauen" überschrieben hat, ein Gespräch zwischenKünstlern und Funktionären nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns aufgezeichnet:„ Vielleicht gibt eseinmal einen Forscher, der sich haargenau für die Deutsche Demokratische Republik von 1976/1977 inter-essiert, und da wieder für die Unruhe, von der damals so viele Künstlerseelen befallen waren." 38 Der Textist eines der aufschlußreichsten Dokumente über die DDR.
Was die Menschen in Ost und West unterscheidet, sind ihre Biographien. Mit der Herstellung der deut-schen Einheit am 3. Oktober 1990 verschwand die DDR, es entstand eine neue Bundesrepublik, in derMenschen mit unterschiedlichen Lebensläufen, mit anderen Vergangenheiten zusammengeführt wurden.Da schien es so, als seien die Biographien der DDRler nichts wert, gut für den Müll der Geschichte. Dasdenkt vor allem jenes Sechstel der Bürger, die die DDR verlassen haben und„, in den Westen machten".Der Vergleich 39 machte und macht das Leben schwer. Die Verbesserung der Lebensverhältnisse war inder Propaganda wie dann auch im Alltag der Maßstab, der das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat ganz
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