Über den Alltag der Menschen ,, drüben" kannte man im Westen vor allem Anekdotisches. Die Geschichten erzählten in der Regel von Rückständigkeit und von uniformierter und diktatorischer Bevormundungder Menschen. Die Wahrnehmung der DDR, so hat Lutz Niethammer angemerkt, war häufig so schablo-nisiert ,,, daß sie für die Lebenswirklichkeit der Menschen in der DDR blind" blieb. 2 Das gilt freilich gene-rell, wenn mit Kontrastbildern gearbeitet wird.
Der( west-) deutsche Justizminister Kinkel forderte 1991, die DDR müsse als Unrechtstaat ,, delegitimiert"werden. Damit sind freilich auch die Menschen angegriffen, die in diesem Staat gelebt haben, auch derenAlltage werden so„ delegitimiert". Umso einsichtiger wird der Kampf um die Erinnerung. Das ThüringerMuseum für Volkskunde in Erfurt hat inzwischen 15 Bände einer„ Projektreihe 1999- 50 Jahre DDR. Einimaginäres Museum" vorgelegt und über die einzelnen Themen auch Ausstellungen veranstaltet, etwaunter dem Titel„ Typisch DDR?" oder„ Der' verordnete' Frohsinn".3 Liebevolle, zuweilen auch von dem- der Volkskunde ohnehin nicht fremden- Gefühl der Nostalgie getragene Rekonstruktionen sind das,eine reflektierende und gewiß auch salvierende Nabelschau, die aus dem Alltag häufig einen Katalog derHarmlosigkeiten macht. Ähnlich hatte die Republik Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg mit denTrachtenmädchen auf ihren Briefmarken eine heile und fleckenlos reine, eine harmlose Vergangenheithiesigen Alltags voll apriorisch guter Volkskultur konstruiert.4
In der Erinnerung ensteht eine neue zustimmungsfähige Vergangenheit. Denn natürlich: Auch in diesemStaat gab es ein ganz normales Leben, das nach vertrauten Regeln und so ganz selbstverständlich ablief,das seine Routinen hatte- eben' Alltag'. Frauen etwa- so hört man- mußten dort von Emanzipation nichtreden, sie galten als emanzipiert. Die Mehrheit- 87% der Frauen im erwerbsfähigen Alter waren es 1986 5-arbeiteten, oft neben den Männern,„, in der Produktion". Am Verhalten der Männer freilich hat das weniggeändert, an der Hausarbeit beteiligten sie sich- wie ihre Geschlechtsgenossen im Westen- kaum. Sieblieben männliche Männer; und als solche standen sie auch an den entscheidenden Schaltstellen in Poli-tik und Industrie. Aber der emanzipatorische Klaumauk des Westens mußte den Frauen im Osten fremdbleiben, sie hatten, wenigstens in ihrem Bereich, selbst etwas zu sagen. Sie ließen sich scheiden, wennes ihnen in der Ehe nicht mehr paẞte- eine Ehe, die viele von ihnen früh eingegangen waren, weil sie vonzu Hause ausziehen und eine eigene Wohnung haben wollten, seltener, weil ein Kind unterwegs war-Abtreibungen waren legalisiert. In der Tat: Die Frauen sind die Verliererinnen der Einheit: viele von ihnenwurden nach der Wende ihre Arbeitsplätze los, wurden nach Hause, an den Herd geschickt. Die älterenvon ihnen freilich, nun im Ruhestand, genießen in der neuen Republik- oft anders als die gleichaltrigenNur- Hausfrauen der ehemaligen BRD den Ertrag eines langen Berufslebens, eine gute Rente. Die
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