Ganz anders dagegen die Entwicklung im sozialistischen Ost- Österreich. Hier ballte sich die Wirtschafts-kraft in der Metropole Wien, stellte die Erdölförderung in Niederösterreich eine solide Basis für die Fort-führung der Industrialisierung dar.2 Ähnlich wie im Osten Deutschlands war der östliche Teil Österreichsstrukturell und politisch benachteiligt, war besonders von Kriegszerstörungen betroffen, wurden Repara-tionen an die Besatzungsmacht zunächst durch Demontagen geleistet. Die auf Naturaltausch basierendeWirtschaftstätigkeit der unmittelbaren Nachkriegszeit benachteiligte den östlichen Landesteil zusätzlich,weil seine auf Rüstungsgüter spezialisierte Industrie keine Kompensation für Lebensmittellieferungenerbringen konnte. Das Verstaatlichungsgesetz vom 26. Juli 1946 machte aus requirierten, ehemals indeutschem Besitz befindlichen Fabriken Betriebe der Besatzungsmächte, deren Anteil für Wien undNiederösterreich 30 Prozent der gesamten Industrieproduktion ausmachte. Der Marshall- Plan brachteDollarkredite auch für Österreich, jedoch wurden 81 Prozent davon an die westlichen Bundesländer gege-ben, und obwohl die ERP- Mittel pro Einwohner in ganz Österreich ein Mehrfaches der deutschen Bi- Zonebetrugen, blieb Ost- Österreich wirtschaftlich weiter zurück.
Dieser Befund der historischen Entwicklung der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigt, daß auch alleshätte ganz anders werden können; die ökonomischen Voraussetzungen für eine Sonderentwicklungder sowjetischen Zone, ähnlich wie in der späteren DDR und anderen osteuropäischen Staaten, warengegeben. Die außenpolitische Situation in den fünfziger Jahren war weltweit maßgeblich vom KaltenKrieg bestimmt. Insofern ist der Abschluß des Staatsvertrages 1955 eher ein Rückgriff auf alliierte Kriegs-vereinbarungen, das heißt die Vorstellung gemeinsamen Handelns der Partner gegen Deutschland undseine Verbündeten; die Österreich betreffenden Beschlüsse, die von einer deutschen Okkupation aus-gingen und das Land eindeutig als Opfer ansahen, waren auf der Moskauer Außenministerkonferenz1943 in einer gemeinsamen Deklaration öffentlich gemacht worden. In den folgenden zwölf Jahrenwurde, ganz im Gegensatz zur Politik gegenüber Deutschland, den Zielen dieser Erklärung gefolgt.Warum dies geschah, könnte durch die Neutralisierungspolitik der Sowjetunion erklärbar sein, die dieSchaffung eines cordon sanitaire zum Ziel hatte und die zeitweise auch gegenüber den deutschenStaaten galt; das Stalin- Angebot eines neutralen Gesamtdeutschland von 1952/53 ist das bekanntesteBeispiel. Obwohl in Österreich, im Gegensatz zum besetzten Deutschland, die Zeichen auf Einigung zwi-schen den vier Alliierten standen, hätte jedoch gerade die Reparationsfrage unter anderen politischenRahmenbedingungen leicht zu einem Scheitern der Staatsvertragsverhandlungen führen können.Nehmen wir an, es wäre so gekommen welche Veränderungen hätten sich für die Österreicher imsozialistischen Landesteil, in Wien, Niederösterreich, dem oberösterreichischen Mühlviertel und demBurgenland ergeben?
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