Bernhard Fuchs
Klatsches macht. Soziale Beziehungen werden erlebt, indem sie sicht-bar gemacht werden.
Für die Programme der ANA werden Tänze und Lieder einstudiert- alsVorbilder dienen meist Video- Filme beziehungsweise Audio- Kassetten:mimetisches Lernen. Das Thema der meisten Tänze ist eine charak-teristische Ausprägung der Liebe: von der ersten scheuen Verliebtheiteines jungen Mädchens über die stolze Schönheit, die ihre Verehrerverspottet, bis zum rüstigen Alten, der den jungen Frauen gefallen will.Gleichzeitig werden dabei verschiedene Regionen und Völker Nepalsrepräsentiert. Neben die Selbstdarstellung der Tänzerinnen und Tänzer,die sich mit archetypischen Charakteren identifizieren oder diese iro-nisieren, tritt somit die Darstellung von Volkstypen Glossar ::: zum Glossareintrag Volkstypen'. Aus dieserPerspektive steckt auch in der Eigen- Präsentation der Nepalis eineFremddarstellung, die sich mimetisch an Stereotypen orientiert. DieVorführung des Heilrituals eines Tamang- Shamanen trägt geradewegen der Distanz zur Alltagswirklichkeit zur Erheiterung des Pub-likums bei, weil bekannt ist, dass kein Tamang- Shamane auf der Bühnetanzt, sondern der nepalische Haustechniker eines Wiener Hotels. SeinAuftritt als Hinterwäldler wirkt komisch. Ein anderer Tanz suggeriertdas Bild der modernen jungen Leute in der Hauptstadt Kathmandu, diefreiere Umgangsformen zwischen den Geschlechtern pflegen. Es ist diespielerische Haltung des Als ob, die Kombination von psychischer,regionaler und nationaler Identifikation und nepalischer Binnenexotik.Die nationalen Stereotypen sind dramatische Figuren, die für Nepalisebenso vertraut wie fremd sind. 57
Die ANA war anfangs eine geschlossene Gesellschaft an der nur Nepa-lis partizipieren durften. Heute wird der Eindruck bei Veranstaltungendes Vereins von Hybridität bestimmt.
Sujata Century, eine nepalische Tänzerin und Sängerin aus Sikkim,forcierte die Professionalität der Darbietungen. Sie wirkte im CultureDepartment of Sikkim und sammelte Erfahrung bei der Präsentationnepalischer Kultur in entfernten Landesteilen Indiens. Für solche Folk-loregruppen ist die wechselnde Darstellung unterschiedlichster ethni-scher Gruppen eine Selbstverständlichkeit. Sujata arbeitete vor ihrer
57 Wahrscheinlich können sich auch die wenigsten Österreicher mit ihren nationalenStereotypen voll identifizieren. Zur Bedeutung nationaler Stereotypen als Bühnenfiguren sieheStanzel, Franz K.: Europäer. Ein imagologischer Essay. Heidelberg 1998, S. 37ff.
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