Osten und Norden gedrungen ist, tonangebend für das gesamteKleidungswesen der damaligen zivilisierten Welt. Die Tracht jenerZeit kennen wir aus zahlreichen Bildern und Skulpturen, ferner aucheinzelne Teile der damaligen Tracht aus den Schatzkammern vonHerrschern und Domen. Dies war aber die Tracht der oberen Stände,somit kann sie nicht durchwegs zur Erklärung der volkstümlichenAlltagstracht herangezogen werden.
Und doch ist an einer Stelle auch solches Material erhalten- Kleider,die während der Ausgrabungen, geleitet von dänischen Gelehrtenauf Grönland in den Wikingersiedlungen vom Jahre 1921 an, aufge-funden wurden. Die Ergebnisse dieser Forschungen werden im Buch,, Wikingersiedlungen in Grönland“ von Poul Nørlund, Kopenhagen1937, behandelt. Ein charakteristischer Fund sind einige Trachtenaus den Gräbern von Herjulfsnes. Unter anderem gibt es hier Exem-plare sowohl von Frauen- als auch von Männeroberkleidern, ange-fertigt aus grobem, im Haus gewebtem Wollstoff, die im Schnitt völligmit den zuvor beschriebenen Exemplaren aus Istrien übereinstim-men. Die grönländischen Exemplare sind vorne geschlossen wiediejenigen in Istrien aus der Umgebung von Labin, ferner sind sie fastimmer mit Ärmeln versehen und haben einen runden Halsausschnitt,während unsere Exemplare ärmellos und an der Brust spitz zulaufendund offen sind; aber dafür begegnet uns auf Grönland ein entspre-chendes Kinderkleid. Bei genauer Analyse der grönländischen undder istrianischen Kleidung ergibt sich, dass sie einander bis insKleinste entsprechen, von der Anzahl der eingenähten Keile über dieTaschenöffnung an der rechten Seite bis zur Verteilung der echtenund blinden Nähte.
Demnach kann behauptet werden, dass die beschriebenen Exem-plare aus Istrien ihrem ganzen Aufbau nach jener mittelalterlichenFrauenkleidung entsprechen, die unter den Bezeichnungen„ sucke-nie“,„ kürsen“,„ kursit“ und„ sürkôt“ vorkommt.„ Es handelt sich beiallen im Wesen um dieselbe, aus dem primitiven Glossary ::: show glossary-entry primitiven Wetterfleck hervor-gegangene Übergangsform zwischen Überwurf und Leibrock, derenBezeichnungen mit den modischen Veränderungen und vornehmenAusgestaltungen dieses Gewandes wechselten"( Geramb). Der Volks-kundler Viktor von Geramb beruft sich auf Heyne und Moszynsky,leitet den Gegenstand aus dem slawischen Kulturbesitz ab und stelltdie Behauptung auf:„ Ganz sicher ist die slawische Herkunft dermittelalterlichen suckenie, die als ein ärmelloses, auf beiden Seitengeschlitztes Kleid unter den ritterlichen Gewändern eine ebensogroße Rolle spielte wie der, kürsen'. Der Name stammt sicher ausdem slawischen suknia- Wollrock, von wo er schon früh ins Spät-griechische soukania und Mittellateinische soscania übernommenworden ist." Auch Niederle erklärt suknja als ein Kleidungsstück aus
55