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Istrien - Sichtweisen : Begleitbuch zur Ausstellung vom 27. Mai bis 14. Oktober 2001 im Ethnographischen Museum Schloss Kittsee, vom 26. Oktober 2001 bis 13. Jänner 2002 im Österreichischen Museum für Volkskunde, Wien und vom 5. April bis 31. Oktober 2002 im Etnografischen Museum Istriens, Pazin
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Vorwort

Der österreichische Preisträger für europäische Literatur, FulvioTomizza, lässt in seinem Roman Eine bessere Welt", den er inseinem Geburtsort Materada unweit von Buje ansiedelt, aus demBlickwinkel eines Mesners, der neun Pfarrer ,, überlebt, nicht nur dasSchicksal eines istrischen Dorfes, sondern pars pro toto die wechsel-volle Geschichte der Halbinsel während des nun eben zu Endegegangenen Jahrhunderts lebendig erstehen. Seine letzte Eintra-gung macht der Mesner im Jahr 1974. Das Ende der Tito- Ära und dienachfolgenden, schrecklichen kriegerischen Auseinandersetzungenauf dem Balkan, die zum Zerfall Jugoslawiens, aber auch zumErwachen eines neuen, europäischen Selbstbewusstseins in Istrienführten, blieben ihm freilich erspart. An dem Resümee des Autors,das er an das Ende seiner Präambel zu diesem Roman stellt, hättendiese letzten Jahrzehnte allerdings kaum etwas geändert:,, Wie wenig, so sagte ich mir, zählte hier doch eine dreihundertjährigeGeschichte von Kriegen, Seuchen, Invasionen und Völkerwanderun-gen. Vielleicht deshalb, weil all diese Ereignisse langsam von derungeschriebenen Geschichte des Alltags verdrängt wurden, die ausLiebe besteht und Verrat, verdrängt wurden von Entbehrungen undFesten. Und eben diese Geschichte war es, die mich interessierte."Und in der Tat lässt sich diese subtile Darstellung dörflichen Lebenswie eine ethnographische Studie lesen.

Die Ethnographie hatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Eigen-art der Kultur Istriens und des Küstenlandes zu entdecken begonnen.Ihr Augenmerk galt dabei besonders den auf so engem Raum leben-den unterschiedlichen Volksgruppen. Hier sei nur an die Beiträge vonLudwig Hans Fischer Die Tracht der Tschitschen" und JosefStradner Zur Ethnographie Istriens" erinnert, die bereits 1896 bzw.1897 in der neu gegründeten Zeitschrift für österreichische Volkskun-de erschienen waren. Auch im 1895 errichteten Museum für österrei-chische Volkskunde in Wien rückte Istrien in den Blickpunkt desInteresses der Museumsgründer. Insbesondere Michael Haberlandt,der durch seine Frau auch verwandtschaftliche Bindungen zu Triestund zum Küstenland hatte, war bestrebt, Sachzeugnisse von derHalbinsel zu erwerben. Unbestrittene Hauptattraktion bildete dabeieine ,, Küche aus Istrien". Ihm ging es darum, aus allen Teilen derÖsterreichischen Monarchie Vergleichssammlungen zustande zubringen, um die Vielfalt und Eigenheit der künstlerischen Äußerungender einzelnen Sprachnationen zu zeigen. Die Ergebnisse seinerSammeltätigkeit präsentierte er zunächst in der Börse und ab 1917

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