Wie dem auch sei: So oder so unterstreicht unsere Inszenierung,wiewohl als freundschaftlicher Akt gedacht, dass eine ökonomischeÜberlegenheit Hand in Hand laufen kann mit einer angeblichenwissenschaftlichen. Wir wissen ja alle, dass die Bedingungen derwissenschaftlichen Buchproduktion in Österreich andere, nämlichungleich bessere sind als in Bulgarien. Hiermit ist auch eine zusätz-liche Problematik des vorher angesprochenen Paternalismus ange-deutet. Dieser äußerst sich zunächst darin, dass man das Gegenübererst einmal als Opfer und damit Ohnmächtigen in ökonomischenVerhältnissen wahrnimmt. Wenn sich dann der Paternalismus aufdas Feld der Wissenschaft überträgt( bzw. wenn eine Handlung alsso etwas wahrgenommen wird), dann hat dies eine sehr diskriminie-rende Dimension: Denn wenn Wissenschaftler/ innen andere Wissen-schaftler/ innen aus einer paternalistischen Perspektive begegnen,dann spricht die eine Seite der anderen Seite auch jegliche eigenserworbene wissenschaftliche Kompetenz ab. Dann sind plötzlich dieOpfer die Schüler/ innen, und die Täter/ innen die Lehrer/ innen.Eine dritte Szene: Wieder Sofia, diesmal im Sommer 1998 unddiesmal in der Universität, genauer gesagt die Räumlichkeiten derÖsterreich- Bibliothek. Wenig vorher ist offiziell die bulgarische Über-setzung meines Buches ,, Historische Anthropologie" präsentiert wor-den. Nun stehen viele, mir bislang unbekannte bulgarische Kolleg/ in-nen bei mir an, möchten mit mir plaudern, die Adressen austauschenusw. Wieder eine Fremde, wiederum eine Fremde zu mir selbst, zumeinem sonstigen Alltag. Wann habe ich das schon mal in Österreichoder sonst wo erlebt, dass Kolleg/ innen bei mir Schlange stehen, diesich für mich interessieren, zumindest in diesem Ausmaß. So wieBulgarien für mich das Land ist, wo sich für mich ökonomisch leichterund weniger nachdenklich leben lässt, so ist Bulgarien für mich ebenauch ein Ort, wo ich eine wissenschaftliche Anerkennung erfahrenhabe. Diese Buchpräsentation in Sofia war gut für meine Eitelkeit, umes offen zu sagen, und gleichzeitig verwirrend, weil ich doch dieserSituation wiederum nicht so ganz traute, weil doch auch und geradehier das Machtgefälle im Wissenschaftsbetrieb zwischen„, West" und„ Ost" bzw.„ Südost“ zum Tragen gekommen ist. Und dieses Macht-gefälle, das viel mit dem vorher angesprochenen paternalistischenVerhältnissen und mit ökonomischen, aber nicht nur mit ökonomi-schen Parametern zu tun hat, wird, so denke ich, durch die Hand-lungsweisen beider Seiten, der Österreicher/ innen und Bulgar/ innenimmer wieder bestätigt und reproduziert.
Kommen wir in diesem Zusammenhang nach Bansko zurück. LangeJahre war es während des historisch- anthropologischen Seminarsüblich, dass vorwiegend die Österreicher/ innen, vor allem die öster-reichischen Lehrenden, referiert haben und nicht oder nur ganz
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