Von Metternich ist der Ausspruch überliefert, der Balkan beginne amWiener Rennweg.„ Der Balkan beginnt nicht in Wien", lautete am21. April 1999 die dicke Schlagzeile im Wiener„ Kurier". Das betrafeine Kampagne, die vor allem Touristen aus den USA und Japan klarmachen sollte, dass ,, der Krieg anderswo" stattfinde und Kosovo weitsei. Auch Kroatien hatte des zurückgehenden Tourismusgeschäftswegen ähnlich( und erfolgreich) geworben und mitgeteilt, dass dieKriegszone weit weg sei- auf dem Balkan eben. Der Balkan scheintsich immer weiter zurückzuziehen, von ihm war auf der genanntenTagung wenig die Rede- es sei denn als Folie und Kontrastpro-gramm zu neugeschnittenen Identitäten. Es ging also kaum noch umdie Kritik jener zentraleuropäischen Balkan- Konstruktion, die MariaTodorova 19 formuliert hatte der Balkan war in einer Absetzbewe-gung fast verschwunden.
Im öffentlichen und politischen Diskurs bleibt der Balkan freilich oftunsichtbar präsent: als Folie des Eigenen, Besonderen. Der Österrei-chische Fernsehprofessor Paul Lendvai hat, im Rückgriff auf Otto vonBismarck, von den balkanischen Schluchten gesprochen, in denenschwer Krieg zu führen sei. Und Erhard Busek 20 kenne sich aus ,, inden Schluchten des Balkans", so konnte man kürzlich in der hiesigenPresse über den ehemaligen österreichischen Vizekanzler- kurzund populär als„ Balkan- Koordinator", offiziell als„, EU- Koordinator fürSüdosteuropa" im Gespräch- lesen.
Dunja Rihtmann- Auguštin 21 hat schon vor einiger Zeit darüber berich-tet, dass eine De- Balkanisierung Kroatiens festzustellen sei und dernationale Diskurs stattdessen auf eine Europäisierung des Landessetze. Jasna Čapo- Žmegač stellt für die Gegenwart zwar eine Domi-nanz des Mittelmeerbezuges als regionales Identitätsmuster fest,deren ungeachtet jedoch balkanische und zentraleuropäische Kom-ponenten nicht vernachlässigt würden. 22 Und vor einem Spiel gegenKroatien stellte der kroatische Trainer der österreichischen National-mannschaft, Otto Barić, fest, Zagreb sei eine westliche Stadt- ,, nichtwie Balkan, nicht wie Bukarest."
Die Dualität von slawischer, illiterater Hirtenkultur im„ hinterland"( soder Begriff Fernand Braudels) und bäuerlicher, romanischer Küsten-kultur nimmt bekannte, ja populäre Muster einer positiven Besetzungdes Mediterranen auf. Das Mediterrane suggeriert Friedliches und
19 Maria Todorova: Imagining the Balkans. New York, Oxford 1997.
20 Erhard Busek: Österreich und der Balkan. Vom Umgang mit dem Pulverfaß Euro-pas. Wien 1999.
21 Dunja Rihtman- Auguštin: Kroatien und der Balkan. Volkskultur- Vorstellungen-Politik. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 101/52, 1998, S. 151-168.22 Jasna Čapo- Žmegač: Ethnology, Mediterranean Studies and Political Reticence inCroatia. From Mediterranean Constructs to Nation- Building. In: Narodna umjetnost36/1, 1999, S. 33-52.
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